vitaswiss Newsletter


Anmelden / Abmelden

------------------------
  

Letzte News


 

Fortschritt: "Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!"


Eines der ersten Sprichwörter, denen ich in jungen Jahren begegnet bin, lautete: "Stillstand ist Rückschritt." Darin manifestiert sich die Ansicht, dass man Altes hinter sich lassen, all es verändern und eben fortschreiten müsse. Doch was ist überhaupt Fortschritt?

Walter Hess

Das Wort "Fortschritt" ist noch heute positiv besetzt: Es bedeutet Weiterentwicklung, hin zu einer höheren Stufe, eigentlich ein evolutionärer Vorgang von niederen zu höheren Formen, inklusive die Entstehung neuer Arten (und Produkten). Inzwischen ist der Fortschritt weit fortgeschritten, und man hat immer mehr Mühe, ihn durch die übliche rosarote Brille zu sehen: Im Rahmen der vereinheitlichen, neoliberalen Globalisierung wird der gesamte Fortschritt dem kurzfristigen Ertragsdenken untergeordnet, auch wenn dabei soziale Strukturen und der Lebensraum Erde schwer beschädigt werden. So sind Ziele wie mehr Wohlstand, mehr Bequemlichkeit, die bestenf alls Wünschbares betreffen, zu den dominanten Grössen geworden, hinter denen das Fundamentale, die Erhaltung oder Wiederzulassung eines vielfältigen, gesunden und lebenswerten Lebensraums, zurücktreten muss - und manchmal gar aus Abschied und Traktanden fällt.

Exzessiver Fortschrittsglauben
Fortschritt: Auf der begrenzten Erde wird ein immerwährendes Wachstum ins Unendliche angestrebt. Der Mensch versucht, die Allmacht, die einem "Gott" genannten höchsten Wesen oder all wissenden Göttern zugeschrieben wird, zu erreichen, seine Gottähnlichkeit im Rahmen eines exzessiven Fortschrittsglaubens zu steigern. Er betrachtet die Natur als sein persönliches Eigentum und übersieht, dass er zur Natur gehört und sich in deren Gesetzmässigkeiten einfügen sollte. Ein frommer Wunsch. In seiner Verwirrung sei der Mensch, dieses "Mängelwesens", "sozusagen eine Art Prothesengott geworden", erkannte der Psychoanalytiker Sigmund Freud schon um 1930, als die Lage diesbezüglich noch weit weniger dramatisch als heute war, die übertriebene medizinische Prothetisierung und der gentechnische Züchtungswahn noch keine Rolle spielten. Zu den Prothesen gehören die Werkzeuge, die seit der industriellen Revolution ständig perfektionierten Maschinen und auch die technischen Fortbewegungsmittel mit dem Paradebeispiel Auto, welche die Aufgaben der Muskulatur übernommen haben. Die Computer ihrerseits ersetzen mehr und mehr auch das, was das Gehirn zu leisten hatte. Durch diese Maschinen können wir unsere begrenzte Leistungsfähigkeit vervielfachen. Der beste Langstreckenläufer verliert den Wettkampf gegen ein kleines Auto.

Massenkultur und Massenverblödung
Der Begriff "Mängelwesen" rechtfertigt sich unter anderem damit, dass dem Menschen sichere Instinkte fehlen, und diese mangelnde biologische Ausstattung kann er, gerade wegen seines Instinktdefizits, denn auch nicht richtig durch technische Artefakte (menschengemachte Gegenstände) kompensieren. Zweifellos gehören die digitaltechnischen Apparate zu den bedeutendsten Ergebnissen des technischen Fortschreitens. Aber auch sie sind nur Hilfsmittel, die nicht nur zur Vereinfachung buchhalterischer Arbeiten und zum Übertragen von Botschaften und Musik verwendet werden können, sondern auch zum Nivellieren kultureller Unterschiede, zu einer globalen Massenkultur, zur Vermassung, zur Massenverblödung und damit zum unkritischen Mitmachen bei Weltherrschaftsansprüchen, wie sie zur Zeit von den USA ausgehen.

Fehlgeleitetes Innovationsgetue
Alle bisherigen Erfahrungen mit dem Fortschritt haben gelehrt, dass man auch in falschen Richtungen zu falschen Zielen fortschreiten kann und ein Stillstand und das Bewahren von Bewährtem oft weit sinnvoller als ein fehlgeleitetes Innovationsgetue wäre. Man muss endlich lernen, dass man beim Fortschreiten auf gefährlichen Irrwegen auch stolpern, tödlich verunf all en und Katastrophen auslösen kann. Die jüngste Kriegs- und Wirtschaftsgeschichte sind Beispiele dafür. Zum Fortschritt gehört die verfeinerte Werbe- und Manipulationskultur, die jede Pleite durch passende Sprüche ins Gegenteil umzuwandeln versteht. Es darf keine Niederlagen geben, wie die von den USA in Afghanistan und im Irak verlorenen Kriege belegen. Das war schon im 2. Weltkrieg so. In den Wehrmachtsberichten des Dritten Reichs gab es nur "siegreiche Rückzüge", wenn die eigenen Truppen zurückkrebsen mussten. Die Soldaten fassten dies ironisierend in die Worte: "Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück."

Vor genau dieselbe aussichtlose Lage sehen wir uns angesichts unseres Umgangs mit den Lebensgrundlagen gestellt. Wir müssen bei unserem Umgang mit den klimawirksamen Faktoren und der gesamten Biosphäre zurückrudern, erleben all mählich die Krankheitsfolgen künstlicher Nahrung und weiterer naturferner Verhaltensweisen, die dann mit synthetisierten Medikamenten, die ihrerseits Schäden verursachen, angegangen werden und die Krankheitskosten in astronomische Höhen treiben.

Der wahre Fortschritt kann gelegentlich auch aus einem Rückschritt bestehen.
In diesem Sinne: Vorwärts, Kameradinnen und Kameraden!


concept & design by CS Marketing GmbH