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Entspannung und Glücksdrogen aus eigener Produktion


Die Kunst des Gehens, des Spazierens und Wanderns hat mit Lebenskunst zu tun. In dieser Neuzeit, in der die Arbeit, das Essen und die Bewegung auf eine ständige Beschleunigung abzielen, empfinden wir den Kontrast einer Verlangsamung als eine beruhigende Wohltat.

Walter Hess


Wir wären, seit dem Hände und Arme von Fortbewegungsaufgaben befreit sind, nicht mit zwei Beinen ausgestattet, wenn das Gehen nicht die menschengerechte Form der Fortbewegung wäre. Unsere ganze Wahrnehmung ist auf eine Geschwindigkeit von vier bis fünf Kilometern pro Stunde ausgerichtet: Wir können bei diesem Tempo Steine, Pflanzen, Insekten, Tiere, Bauwerke mit ihren Details und alles, was uns umgibt, genau erkennen. Wir nehmen Düfte und Geräusche wahr, können richtig atmen und bei Gefahren rechtzeitig reagieren. Bei dieser Geschwindigkeit müssen wir uns nicht mit "Airbags" umgeben, uns nicht anschnallen oder unter einem Schutzhelm beengt fühlen.

Nach innen
Das Wandern in lockerer Kleidung und Atmosphäre entspannt, und dabei bietet sich genügend Gelegenheit, uns selber zu finden, uns zu spüren (hoffentlich tönt dies nicht zu esoterisch). Lassen wir es Novalis (Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, 1772 bis 1801) sagen: "Wir träumen von Reisen durch das Weltall: Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg."

Die Aussenwelt sei eine Schattenwelt, fügte Novalis noch bei. Man mag dem zustimmen oder nicht, zumindest bewahrheitet sich dies immer dann, wenn wir uns mit grossem Tempo bewegen: Das Detail löst sich auf, wird zu einem konturenhaften Hell bis Dunkel. Wenn wir durch einen ausgeleuchteten Eisenbahntunnel alter Bauart fahren, können wir die einzelnen Steinquader nicht mehr erkennen, und der eingeschränkte Ausblick aus dem kleinen Flugzeugfenster zeigt höchstens noch Schaumkronen von Wellen, nicht aber das kleine Fischerboot, das auf ihnen schwimmt. Ästhetische Formen verflachen, lösen sich auf.

Der Wanderer hat sich aus all den Transportbehältnissen aus Blech und Kunststoff, die unsere schnelle Bewegung gewährleisten, befreit. Er ist in die Natur oder ins dörfliche Leben eingebunden, atmet frische Luft. Die Gemächlichkeit seiner Bewegungen löst emotionale Anspannungen und vertreibt Stress; die Reizüberflutung ist überwunden. Ruhe und Gelassenheit breiten sich aus - und was könnte wohltuender für die Psyche sein!

In seinem Buch "Gehen" schreibt Aurel Schmidt, das Gehen sei "eine Erweiterung des Lebensraums, je nachdem wie weit der Radius der Mobilität gezogen wird, wie es eine Erweiterung des Horizonts ist, womit eigentlich das Denken gemeint wird".

Dass das Gehen in all seinen verschiedenen Ausprägungen zurzeit eine Renaissance erlebt, ist verständlich, logisch, geradezu zwingend. Es befreit uns sogar aus den kommunikativen Vernetzungen, macht uns unabhängig und meditativ. Die Jakobswege sind heute wahrscheinlich ebenso bevölkert wie in der Zeit der Gotik, wobei religiöse Motive wohl dafür nicht mehr allein ausschlaggebend sind.

Dem Glück entgegen
Während der Niederschrift dieser Zeilen hat mich ein Sunrise-Vertreter angerufen, der mir attraktive Angebote für die Computer-Kommunikation (inklusive Internet) auf Reisen unterbreiten wollte. Ich winkte ab, weil ich mich bei Wanderungen und Reisen aus dem Netz befreien möchte; doch bei der Arbeit schätze ich die elektronischen Möglichkeiten. Gelegentlich aber leiste ich mir den Luxus, unerreichbar zu sein.

Die Bewegung aus eigener Kraft veranlasse den Körper, Glückshormone wie Serotonin und Dopamin (Neurotransmitter) auszuschütten, liest man oft, weil ja das Glücksempfinden, wie alles andere auch, wissenschaftlich untermauert werden muss. Mit anderen Worten: Wer sich körperlich bewegt, wird gewissermassen zu seinem eigenen Drogenproduzenten - und zwar ganz innerhalb der Legalität. Mich persönlich interessieren mit Fachausdrücken verzierte Wissenschaftserkenntnisse, die einmal so und dann wieder anders herauskommen, weniger als eigene Erfahrungen.

Jede Woche unternehme ich eine kleine Wanderung zwischen zwei und sechs Stunden, je nachdem, die ich auch als Exkursion betrachte. Ich rüste mich nur mit dem Nötigsten aus: mit Gelände- und Ortskenntnissen, guten, festen Schuhen mit Sohlenprofil (wenn ich nicht gerade zwischen Gonten und Appenzell oder anderswo eine bodenständige Barfusswanderung mache), mit Wasser, gegebenenfalls auch mit einem Regenschutz, oder einem Wanderstock, wenn der Weg durch steiles, glitschiges Gelände führt. Ich nehme mir Zeit, entgehe den Pendenzen.

Beim Gehen fühle ich mich beschwingt, von der Poesie des Orts wie einen Bach, einem Fluss, einer Brücke, anderen Bauwerken, einem Baum, den Blumen und Insekten, den Hügeln, den Wolken angeregt, geniesse mir zufliegende Gedanken, spüre kaum je eine Müdigkeit. Diese stellt sich in der Regel erst nach der Heimkehr ein, eine Garantin für einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Eindeutig: Das Wandern hat dem Körper und der Seele gut getan.


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