Vom Sehen zum Schauen übergehen
"Was ist das Schwerste von allem?
Was Dir das Leichteste dünket.
Mit den Augen zu sehen,
Was vor Augen Dir liegt."
Johann Wolfgang von Goethe
Wie die meisten anderen Lebewesen haben wir Menschen Augen, Instrumente, um zu sehen. Das Sehen wird uns in die Wiege gelegt und als Naturtalent mit auf den Lebensweg gegeben. Doch dieses Aufnehmen von optischen Eindrücken mit den Augen verkommt in unserer bilderfülligen, mit immer mehr visuellen Reizen ausstaffierten Welt zunehmend zu einer oberflächlichen Betätigung.
Walter Hess
Die überbordete, rasch wechselnde technisch-industrielle Licht- und Bilderproduktion, die uns ständig attackiert, zwingt zum Abstrahieren und führt dadurch zu Fehlsteuerungen der Wahrnehmung, zu Irritationen. Wie wollen Sie in einem opulenten Feuerwerk die Feinheiten eines einzelnen Sterns erkennen?
Das vorangestellte Goethe-Wort findet sich in einer abgewandelten Form bereits beim gereiften Philosophen und Theologen Thomas von Aquin (1225 - 1274): "Bisher hab ich nur gesehen. Nun aber ist mir die Gnade gekommen zu schauen." Dieses Schauen ist mehr als das Sehen: Es ist ein bewusstes Sehen, was bedeutet, den Blick auf ein Ziel gerichtet zu haben, auf bestimmte Eigenschaften zu achten und die Wahrheit im Zusammenhang einfangen zu versuchen. Es ist der Versuch, Geheimnisse zu lüften, zu durchschauen.
Seh-Schüler ein Leben lang
Wir bleiben ein Leben lang Seh-Schüler. Wenn wir uns nicht besonders anstrengen, uns nicht bewusst bemühen und uns nicht darin üben, den Schritt vom Sehen zum Schauen zu wagen, bleiben unsere Einsichten beschränkt. Wir sehen dann bloss, was wir kennen, was wir wissen, was wir erwarten, und der Rest, der vielleicht wichtiger wäre, bleibt ausgeblendet. Wir können solche Mechanismen an uns selber erkennen: Wenn wir hungrig sind, halten wir unterwegs nach Nahrung oder Gasthäusern Ausschau; wenn wir durstig sind, entgeht kein Brunnen unserer Aufmerksamkeit. Ornithologen hören jede Vogelstimme, Geologen beobachten die Geländeformen sehr exakt, schenken aber vielleicht den Flechten am Baumstamm weniger Aufmerksamkeit.
Ein klares Rezept zum Erlernen des Schauens kann kaum gegeben werden, denn "das letzte Ereignis, das eigentliche Wunder des Erlebens von Form und Farbe, bleibt ein Geheimnis, ebenso wie das Denken über diese Dinge" (so der Biologe Adolf Portmann). Das Sehen und alle anderen Wahrnehmungsfähigkeiten werden sich durch einen bewussten Gebrauch selbsttätig entfalten, wenn wir die damit verbundenen Möglichkeiten erst einmal erkannt haben. Unser Zutun ist nötig; denn unsere technische Zivilisation, so gross auch ihre Vorteile sein mögen, hat die Tendenz, uns in die gegenteilige Richtung zu verführen - in eine Ersatzwelt hinein, die das bewusste Leben mit all seinen Erfahrungen, auf denen es beruht, zunehmend ersetzt.
Wahrnehmung, die unser Wesen prägt
Das Sehen ist also nicht einfach ein rezeptiver (im Sinne von aufnehmender) Vorgang, sondern ein "aktiver, reagierender und projektiver Prozess". Das hat der Architekt und Lehrer in Wahrnehmungsaspekten Otto Schärli in seinem Buch "Werkstatt des Lebens. Durch die Sinne zum Sinn" in Anlehnung an den Pädagogen und Philosophen Hugo Kükelhaus geschrieben. Sie beide haben viel über die Wahrnehmung, die unser Wesen prägt, nachgedacht, geschrieben und gelehrt. Sie erkannten, dass das Sehen wie auch das Hören zu einem flachen Vorgang des Rezipierens und Registrierens verkommen können - zum einen Auge oder Ohr herein und zum anderen wieder hinaus. Kükelhaus: "Nicht das Auge sieht, sondern der Mensch sieht. Nicht das Ohr hört, der Mensch hört."
Wenn der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856 - 1939) Recht hat, ist die Psyche ein System, in dem das Denken und Wahrnehmen gründen - und damit auch unser Handeln. Diese umfassen weit mehr als die Verarbeitung der unbewegten und bewegten Bilder. Unter allen Reizen ist das manipulativ und meist in unnatürlich schneller Abfolge dominante Bild zum aufdringlichsten geworden. Das heisst mit anderen Worten, dass alle anderen Sinneseindrücke überlagert, zurückgedrängt werden und das seelische Gleichgewicht immer mehr gestört wird. Solche Verlagerungen sind bekannt. Man weiss von sehbehinderten oder blinden Menschen, dass bei ihnen die übrigen Sinne wie das Hören, Riechen, Schmecken und Tasten besonders fein ausgebildet sind. So gibt es Blinde, die am Echo von selbst erzeugten Schnalzlauten ihre Umwelt zu erkennen vermögen, eine Art Echo-Ortung.
Der Gebrauch der Sinne sollte im Normalfall, das heisst, wenn keine körperlichen Behinderungen vorliegen, umfassend erfolgen. Im Idealfall wird man mit allen Sinnen leben, schauen statt nur sehen, aufnehmen statt nur hören, Gerüche erleben statt nur riechen, Speisen kosten statt nur essen und somit intensiv leben, was mit einem genussvollen Leben gleichzusetzen ist. In diesem Fall wird der Psyche genügend Nahrung zugeführt, so dass sie keinen Anlass zum Verkümmern hat. Und das Leben würde uns nicht zwischen den Fingern zerrinnen, sozusagen unbeachtet an uns vorbeiziehen.
concept & design by CS Marketing GmbH


