Wie schafft man ein lernförderndes Umfeld?
Die Forschung zeigt: Kinder muss man gar nicht zum Lernen drängen. Sie tun es aus eigenem Antrieb. Dafür sorgt ein Belohnungszentrum im Gehirn. Am schnellsten und wirksamsten lernen Kinder multisensorisch – mit allen Sinnen.
Nicolas Gattlen
Anna hat ein Haus gezeichnet. Über dem Haus schwebt ein Luftballon, der mit einem langen Seil am Dach des Hauses fixiert ist. „Das ist doch praktisch“, sagt die Vierjährige. „Wenn wir mit dem Ballon in die Ferien reisen, nehmen wir unser Haus mit. Dann sind wir überall zuhause“. „Du bist ein schlaues Mädchen“, sagt die Mama. Das Lob der Mutter ist zweifellos gut gemeint, doch es ist nicht eben lernförderlich. Im Gegenteil: „Wenn man ein Kind für seine Intelligenz und seine Talente lobt statt für seine Anstrengung, dann vermittelt man ihm die Botschaft, dass Erfolg und Misserfolg ausserhalb seiner Kontrolle liegen“, erklärt die Zürcher Erziehungspsychologin Ulrike Stedtnitz. „Dieses Kind sieht seine Intelligenz als unveränderbare persönliche Eigenschaft und neigt zu schulischen Minderleistungen“.
Selbstwertgefühl stärken
Menschen mit einem dynamischen Selbstbild hingegen glauben an die Veränderung und Entwicklung ihrer Eigenschaften. Sie glauben daran, die Ereignisse positiv beeinflussen zu können, und fühlen sich nicht als Spielball des Schicksals. Das stärkt auch ihr Selbstwertgefühl. Ein Misserfolg ist für sie kein Grund zu Selbstzweifeln. Er bedeutet für diese Menschen nur, härter an sich arbeiten zu müssen. Dann kommt auch der Erfolg: Die Forschung zeigt nämlich, dass fast jeder in praktisch allen Bereichen mit der richtigen Art von hartnäckiger, möglichst täglicher Übung hervorragende Leistungen erbringen kann.
Belohnungssystem im Gehirn
Soll man mit seinen Kindern also schon im Vorschulalter Vokabeln pauken? „Früher Drill bringt wenig“, sagt die Erziehungspsychologin Stedtnitz. So zeige eine Untersuchung der Universität Freiburg, dass die meisten Schülerinnen und Schüler ihre frühen Vorsprünge in Lesen und Schreiben schon im Verlauf der ersten Primarklasse wieder verloren hatten. Das betrifft vor allem jene Schüler, die sich das Rechnen und Lesen nicht eigenmotiviert beigebracht hatten. Dabei müssen Eltern ihre Kinder gar nicht zum Lernen drängen. Kinder sind von Natur aus höchst motiviert. Im Gehirn sorgt ein Belohnungssystem dafür, dass alles als aufregend registriert wird, was neu ist und die eigenen Erwartungen übertrifft. Man muss Kindern nur ermöglichen, mit verschiedenen Interessengebieten in Kontakt zu kommen. Darauf kann man sanft weitere Anreize im betreffenden Bereich geben. Mit einem naturwissenschaftlich interessierten Kind kann man beispielsweise ins Technorama gehen. Oder noch besser: in den Wald.
Kontakt mit der realen Welt
Denn der Kontakt mit der realen Welt sei der beste Lehrer, schreibt der Gehirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens“. „Seit ungefähr 40’000 Jahren sind unsere biologischen Programme dieselben geblieben. Deshalb lernen Kinder und überhaupt alle Menschen auch heute noch hirngerecht oder gar nicht.“ Das heisst: multisensorisch - über das Tasten und Begreifen, das Riechen und Schmecken und ganz besonders über die Bewegung. Nur wer Wasser berührt, weiss, was „nass“ bedeutet. Damit werden die richtigen Spuren in einem jungen Gehirn angelegt. Diese Spuren steuern unser Verhalten umso erfolgreicher, je näher sie der Realität kommen.
Schädlich: Computer und Fernsehen
Doch viele Kinder verbringen heute einen grossen Teil ihrer Zeit am Computer oder vor dem Fernseher. Das sei prinzipiell schädlich, meint Spitzer. Auf dem Bildschirm sei es zwar bunt und laut, dennoch bekomme das Gehirn zu wenig Information. Vor dem Bildschirm haben Kinder nichts zu riechen, nichts zu spüren, nichts zu schmecken. Zudem fehlt dem Bildschirm die dritte Raum-Dimension. „Das Kind nimmt bloss eine Klang- und Bildsauce auf“. Zudem fehlt der reale zwischenmenschliche Kontakt. Denn das Belohnungssystem im Gehirn wird auch durch nette Blicke und freundliche Worte aktiviert. Ist die Lernumgebung schlecht gestaltet, fehlt beispielsweise eine positive Fehlerkultur oder herrscht sogar eine Kultur der Angst, dann wird den Kindern das Lernen gründlich ausgetrieben. Wer hingegen gut gestimmt ist, lernt mit Gehirnbereichen, die später die beste Erinnerungsleistung ermöglichen. Positive Gefühle sind ein eigentlicher Lernturbo.
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