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Warum der Mensch arbeiten will


"Wenn alle Tage im Jahr gefeiert würden, so würde Spiel so lästig sein wie Arbeit."
(Prinz Heinrich in Shakespeares "Heinrich IV.")

Muss den Arbeit wirklich sein 
"Arbeiten ist schön, ich könnte stundenlang zuseh’n ...".Diese scherzhafte Redensart ist alt, abgedroschen. Es liegt mir fern, ihr mit allerhand Rabulistik (spitzfindigen Wortklaubereien) einen Sinn abzugewinnen. Und doch: Arbeiten ist schön.
Text: Walter Hess

Gibt es einen Menschen, der wochen-, monate-, ja jahrelang ohne zu arbeiten zufrieden sein könnte? Alle Verallgemeinerungen sind falsch. So einfach ist die Sache nicht. Eine Arbeit (und damit auch ein Beruf) kann ebenso gut eine Plage wie eine Freude sein. Wer den richtigen, auf ihn exakt zugeschnittenen Beruf ausüben darf, wird die Arbeit, auch wenn sie eine Lohnarbeit zum Befriedigen der Bedürfnisse der Familie und auch der eigenen dient, nie als Last empfinden. Er geht in seiner Aufgabe auf, wie man sagt, wegen dieses Aufblühens hervorragende Leistungen vollbringen, Karriere machen – wer möchte das nicht? – und dadurch an Ansehen gewinnen. Auch das Gegenteil kann der Fall sein: Den falschen Beruf zu haben, ist eine Qual. Der Unglückliche ist überfordert, wird den Anforderungen nicht gerecht, gilt als Versager. In diesem Fall kommt eine Abwärtsspirale in Gang. Zwischen diesen Extremen sind selbstverständlich alle Zwischenstufen möglich. Damit Arbeit wirklich schön wird, braucht es also die richtige Person für die betreffende Aufgabe. Menschen mit einer ausgesprochenen Zuneigung zu Tieren werden in allen Berufen, die mit zoologischen Belangen zu tun haben, eine grosse Erfüllung finden; solche, die gern kochen und mit einem gastroposophischen (feinschmeckerischen) Gefühl ausgestattet sind, werden als Koch oder Köchin Erfolge feiern.

Arbeit als Rarität
Das Ansehen der Arbeit als solcher hat mit dem Angebot an Beschäftigung zu tun. Während der Hochkonjunktur sassen die Arbeitskräfte am längeren Hebelarm. Sie waren begehrt. Arbeit war zur Genüge da. Dann änderten sich die Verhältnisse: Das neoliberale Kartenhaus als Teil der Globalisierung stürzte ein. Automation. Stellenabbau. Entlassungen. Arbeitslosigkeit. Immer Menschen mehr fallen durch die Maschen. Entsprechend steigt der Stellenwert der Arbeit. Zu einem guten Arbeitsplatz trägt man heute Sorge, und man strengt sich besonders an, um ihn behalten zu dürfen. Arbeit wird als hohes Gut und Lebenselixier erkannt. Ein genügendes Einkommen versetzt in die Lage, sich seine Wünsche zu erfüllen. Es macht einen trotz aller Abhängigkeit vom Arbeitgeber in einem hohen Mass im Gestalten seines Lebensstils frei. Wem die Arbeit liegt, wen sie befriedigt, der besitzt darin das Fundament zu einem glücklichen Leben. Die Freizeit kann nur vollumfänglich geniessen, wer etwas geleistet und seinen Lohn verdient hat. "Nach getaner Arbeit ist gut ruhen", lautet ein antiquarisches Sprichwort. Umgekehrt kann niemand gut ruhen, wohlig schlafen, der sich nicht angestrengt hat und nicht müde ist. Das liegt auf der Hand. Weil schwere körperliche Arbeit praktisch abgeschafft ist, sehen sich viele gezwungen, sich in Fitnesszentren abzustrampeln. Warum tun sich denn viele Leute gleichwohl so schwer mit der Einsicht, dass es ohne Arbeit und ohne Bewegung nicht geht? Strengen sie sich nur an, wenn es ums Überleben (zum Beispiel wie in der Frühzeit um die Nahrungsbeschaffung) geht? Sind sie von Grund auf faul?

Lob des Müssiggangs
Viele Autoren haben sich mit dem Studium des verpönten Müssiggangs, der Faulheit, abgerackert. Einige ihrer Erkenntnisse: Selbst von Arbeitslosen wird verlangt, dass sich ihr ganzes Bemühen um die Beschaffung von Arbeit dreht. Und Scheinbeschäftigungen wurden zur Schönung der Statistiken sowie im Interesse des postulierten "Rechts auf Arbeit" erfunden, obschon der französische Sozialist Paul Lafargue (1842-1911) solchen Ideen früh schon ein "Recht auf Faulheit" entgegengesetzt hatte. Dieses gestattet beispielsweise, die Freizeit nicht mit sinnvollen Beschäftigungen auszufüllen, sondern man darf sich einfach am Nichtstun, dem Dolce far niente, freuen – schlicht daran, Zeit zu haben, die im Idealfall zur "Mutter der Künste" (Lenin) wird. Es ist dann nicht mehr weit, das hektische wirtschaftliche Handeln mit seiner Produktionslogik als moderne Barbarei zu apostrophieren, wie dies Corinne Maier in ihrem Buch "Die Entdeckung der Faulheit" in vorwurfsvollem Ton beim Ansprechen ihrer Leser tut: "Ihr kleinen Angestellten, Verdammte des Tertiärsektors, Hilfskräfte des ökonomischen Prozesses, meine Brüder und Schwestern, die ihr von unterwürfigen Subchefs kommandiert und gezwungen werdet, eure Zeit mit idiotischen Meetings zu vergeuden." Folglich müsste man sich ständig Gedanken darüber machen, wie sich Arbeit und Besprechungen vermeiden liessen ... Eine harte, anspruchsvolle Aufgabe. Aber wer das Glück oder – je nach Betrachtungsweise – das Unglück hat, in den Arbeitsprozess eingebunden zu sein und auch alle seine übrigen Aufgaben tapfer erledigt, hat zum Nachdenken ohnehin keine Zeit. 

Lob der Faulheit
Faulheit, itzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen.
O – wie – sau – er – wird es mir,
Dich – nach Würden – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.
Höchstes Gut! wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben –
Ach! – ich – gähn – ich – werde matt –
Nun – so – magst du – mirs vergeben,
Dass ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

Gotthold Ephraim Lessing
 


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