Über das Tragen und Ertragen im Leben
Tragen und Ertragen bei nachlassender Tragkraft
"Tragen muss der Mensch,
Was ihm die Götter senden."
(Schiller: "Szenen aus den Phönizierinnen des Euripides")
Eine gewisse Tragik mag darin bestehen, dass die menschliche Tragkraft oder Tragfähigkeit im Abnehmen begriffen ist. Der Rücken des modernen Menschen scheint nicht mehr das zu sein, was er einmal war.
Walter Hess
Der Handel passt sich an: Wogen früher die Zementsäcke noch 50 Kilo, wurde ihr Gewicht auf 40 Kilo und neuerdings auf 30 oder 25 Kilo reduziert. Selbst die 1-Kilo-Konservendosen sind inzwischen leichter geworden ... Dabei gibt es technische Geräte vom Treppenkarren bis hin zum Auto, die das Herumtragen von Gegenständen weitgehend besorgen. Nur in einem Bereich ist das Tragen populärer geworden: Die Neugeborenen werden wieder vermehrt zu Traglingen, basierend auf einer bei vielen Primaten einschliesslich des Menschen naturgegebenen Verhaltensweise. Der Nachwuchs klammert sich reflektorisch an der Mutter und vielleicht auch am Vater fest, was man den Kleinkindern durch ein Babytragetuch erleichtert. Dadurch werden Kinder, die Körperwärme spüren dürfen, ruhiger, ausgeglichener.
Psychische Störungen nehmen zu
Das Tragen hat, wie man sieht, nicht allein seine physikalischen, sondern auch seine psychologischen Seiten. Denn das Tätigkeitswort "tragen" kann auch die Bedeutung von "erdulden" haben: Man trägt sein Schicksal, das heisst, man erduldet das Unabwendbare, all das Schwere, das uns widerfahren kann. Und die Frage, ob denn die dafür notwendige Tragkraft ständig abnehme, steht im Raum. Der zunehmende Ausbau der psychiatrischen Versorgung ist ein deutliches Indiz dafür. Psychische Störungen nehmen zu; die Gesellschaft wird offensichtlich immer betreuungsbedürftiger. Laut einer Harvard-Studie ist jeder zweite Amerikaner einmal in seinem Leben von einer psychischen Störung befallen, wobei das Elend schon bei den Kindern beginnt – und wir sind, wie immer, am Kopieren.
Zum Glück
Das Glück hängt zum Teil von den äusseren Verhältnissen, im Wesentlichen aber von uns selber ab. "Denn meist wird der Glückliche sich naturgemäss zum Glück, der Unglückliche zum Unglück bekennen und jeder derart seine persönlichen Erfahrungen zu seinem Lebensglauben beisteuern", schrieb der britische Philosoph Bertrand Russell (1872-1970) in seinem Buch "Eroberung des Glücks". Der glückliche Mensch lebe sachlich, habe freie Zuneigungen und umfassende Interessen. Er sichere sich sein Glück durch diese Interessen und den Umstand, dass sie ihn seinerseits wieder zu einem Gegenstand des Interesses und der Zuneigung für andere machen, fügte Russell bei. Vom Selbstbedauern müsse man sich befreien und sich eingestehen, dass die eigenen Verhältnisse gar nicht besonders unglücklich seien.
Relativieren vor Dramatisieren
Übertragen wir solche Einsichten auf das Ertragen von Schicksalsschlägen, ergibt sich daraus das Rezept, dass das Relativieren dem Dramatisieren vorzuziehen ist. Jedes Leben wird von berührenden, schmerzlichen Erlebnissen begleitet, wozu auch Todesfälle gehören. Sie sind Bestandteile von jedem normalen Lebenslauf, zudem Erfahrungen, die uns reifer und psychisch stärker machen. Mit zunehmendem Alter verliert der Tod deshalb immer mehr von seinem Schrecken, wird oft zum Freund.
Krise als Chance
Wir sollten von den Chinesen lernen, hört man allenthalben, weil das gleiche Schriftzeichen (ji = Maschine, Werkzeug, Gelegenheit) in den Wörtern "Krise" und "Chance" vorkomme: Die Krise sollte als Chance genützt werden, folgert man. Ob die Erklärung nun stimmt oder doch eher mutig zurechtgezimmert ist (Schriftzeichen haben im Chinesischen je nach Kombination unterschiedliche Bedeutungen), auf jeden Fall ist sie alltagstauglich und damit nützlich. Doch meines Erachtens wäre es grundfalsch, nur in Krisen Chancen zu sehen. Auch Phasen des Glücks, des Erfolgs und jedes Ereignis überhaupt müsste doch als Möglichkeit, das weitere Leben in ideale Bahnen zu lenken, erkannt und genutzt werden.
Verlorene Tragkraft
Was ist denn eigentlich passiert, dass wir träger geworden sind und dabei in jeder Beziehung an Tragkraft verloren haben? Wo die harte körperliche Arbeit fehlt, verkümmert die Muskulatur, falls sie nicht in Fitnessanlagen gefordert wird. Die Beschaulichkeit des Landlebens wird zunehmend zu einer städtischen Hektik mit ihrer Reizüberfülle, zu der auch schreierische Medien ihren Beitrag leisten. Alle verlangen unsere Aufmerksamkeit, und unser Geist wird darob träge und stumpft ab. Das physische und psychische Gleichgewicht gehen dabei verloren. Wir werden zu schwächlichen Patienten, müssen getragen werden.
Packen wir die Lasten an!
Den hypokinetischen (durch ungenügendes Körpertraining verursachten) Krankheiten folgen geistige Schäden durch Abstumpfung – das eine trägt zum anderen bei. Die Lösung liegt auf der Hand bzw. auf den Schultern. Sie vor dem "bisch zwäg"-Publikum bekannt zu geben, heisst, Eulen nach Athen zu tragen. – Ich tu’s trotzdem: Üben wir uns im Lastentragen, packen wir sie richtig an und stärken wir uns. Drehen wir die Abwärtsspirale um!
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