Was unsere Haare alles erzählen
Haarig, was wir mit unseren Haaren alles treiben und was sie uns erzählen!
Text Walter Hess
Wir schneiden an ihnen herum, modellieren sie nach Lust und Laune, färben sie um, rasieren sie ab oder verpflanzen sie. Sie werden mit einem teuren, umfangreichen Chemikalienarsenal torpediert, weil wir es uns wert sind ... Schönheit ist käuflich und wird damit zu Geld. Mit Ausnahme von Lippen, Handflächen und Fusssohlen machen sich Haare überall breit. Am einen Ort sind sie erwünscht, anderweitig stören sie. Wir hören ihnen nicht zu, kennen ihre Sprache nicht mehr, obschon diese deutlich ist. Denn wir sehen sofort, ob ein Haar sauber, hart, fein, weich, matt, glänzend, strahlend, schlaff oder kraftlos ist. Ein naturgelocktes, durch den Talg aus den Talgdrüsen an den Haarfollikeln geschmeidig gemachtes, dichtes, gesundes Haar signalisiert Lebenskraft. Wenn diese Vitalität abnimmt, wird es drahtig, strohig, droht zu verholzen, verliert an Spannkraft und Glanz.
Das Haar altert mit
Das Haar wird im Lebensverlauf härter, und es verfärbt sich, spiegelt den Gesundheitszustand, was sich Haar-Mineral-Analytiker zunutze machen. "Die Weisen werden kahl, die Esel grau", will ein altes Sprichwort wissen; bei grüblerischen Menschen entstehen Geheimratsecken. Vielleicht entzieht das intensiv eingesetzte Vorderhirn der Kopfhaut Substanz ... Das häufige Tragen von Kopfbedeckungen sowie die Einnahme gewisser Medikamente (Musterbeispiel: Chemotherapie) können den Haarausfall forcieren. Die sich oft genug schleichend einstellende Kahlköpfigkeit, die für Weisheit und Disziplin stehen kann, hält sich an keinerlei Regeln und kann sogar Frauen betreffen (Alopezie). Erwachsene mit kindlich seidigem Haar strahlen etwas Infantiles aus, verraten aber auch Sensibilität. Haare sind zudem ein elektro-magnetisches Ladungsfeld, eine Empfangsantenne, wie besonders Kinder spüren. Wenn mit zunehmendem Alter der Kräfteschwund aus den räudigen Haaren abzulesen ist, stehen uns genau diese Haare zu Berge.
Hilfe aus Labors und Chemieindustrie
So etwas wollen wir verhindern. Eine ganze Industrie nimmt sich unserer Haare an, besonders dann, wenn sie schütter geworden sind. Dann haucht die Industrie dem fadenförmigen, pelzigen Gebilde aus Hornsubstanz neues Leben ein. Wir pflegen mit aufwändig gepflegten Haaren den schönen Schein. Und wenn aus unserer Krone ein Zacken nach dem anderen herausbricht, legen wir gern einen solchen zu, wie das schon im Zeitalter des Barock geschah: Man liebte die Ekstase, den Rausch, und setzte sich eine ausschweifende Perücke mit vielen Locken, Keulen, Wülsten, Nestern, Kämmen und Bändern auf.
Verwandlungen
Schönheit ist machbar – durch chirurgische und chemische Techniken sowie allerlei Tricks. Das Haarkleid ist einer der wichtigsten Bestandteile des Aussehens und verhältnismässig leicht zu manipulieren. Wenn ein Komiker in eine andere Rolle schlüpft, braucht er sich im Wesentlichen nur die passende Perücke aufzusetzen und seine Stimme zu verstellen. Die Frisur kann als dominante Umrahmung des geschminkten Gesichts zum Markenzeichen und zum Schmuck avancieren. Sie hilft, die Nachahmung als Grundprinzip des menschlichen Lebens ein Stück weit zu überwinden, auch wenn die Mode, die zur Nachahmung gehört, wieder nivellierend Einfluss nimmt. Moderne Männer sind für Modediktate (von Modetorheiten habe ich nichts gesagt ...) anfälliger als ältere Generationen, unter anderem als Folge der ausgeweiteten kosmetischen Geschäfte und Propaganda.
Frauen, die sich früher die Haare färben liessen, legten Wert auf diskrete Farben. Grelle Effekte nach dem Motto "Erlaubt ist, was Spass macht" setzten sich erst in den letzten Jahrzehnten durch; bei jungen Männern begann es mit Punk-Frisuren und dem Hippie-Look – ein Ausdruck des neuen Lebensgefühls. Die chemotechnischen Behandlungsarten geschehen oft ohne Rücksicht auf das Eindringen giftiger Chemikalien durch die Kopfhaut in den Organismus. Einige wurden verboten, als die Krebsgefahren endlich erkannt waren; viele Gesundheitsbewusste weichen deshalb auf die pulverisierten Blätter der Henna-Pflanze aus. Zahlreiche Haarschäden sind ausgerechnet durch Kosmetika bedingt, so dass durch diese weitere kosmetische Eingriffe provoziert werden.
Haar-Psychologie
Ja, die Haare, sie können was erzählen. Der Kopfschmuck vermittelt nicht allein Hinweise auf den Gesundheitszustand und die innere Harmonie, sondern liefert auch Indizien für Rückschlüsse auf das ästhetische Talent, das Repräsentationsbedürfnis, das Gesundheits- und Modebewusstsein, die Gruppenzugehörigkeit und die Suche nach Identität. Er signalisiert, was in einem Menschen stimmt – und was nicht. Ein Tummelfeld für Hobby-Psychologen.
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