Fokus: Der Bauch – das zweite Gehirn
Der Bauch fühlt und denkt, behaupten Wissenschaftler der Neurogastroenterologie. Sie verweisen auf das eigenständige Nervensystem in den Wänden des Darms, das zweite Gehirn, das dem Kopfhirn bezüglich Zell- und Molekülaufbau gleicht. Und sie vermuten, dass der Magen-Darm-Trakt unsere Gefühle beeinflusst.
Text: Ariane Kroll
Aussagen aus dem Volksmund wie "das sagt mir mein Bauchgefühl", "das liegt mir auf dem Magen" oder "Schmetterlinge im Bauch" verwenden wir ganz selbstverständlich. Die meisten umschreiben damit ihre Intuition oder Eingebung, bei der Erfahrungen und Überlegungen keine Rolle spielen. Andere möchten zum Ausdruck bringen, dass Gefühle Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt haben.
Der Bauch fühlt und denkt
Nach den Erkenntnissen der Neurogastroenterologie erhalten Formulierungen des Volksmunds eine weitere Bedeutung. Wissenschaftler wie Michael Gershon gehen davon aus, dass "der Bauch fühlt und denkt". Der amerikanische Neurobiologe konzentriert sich seit den 60er-Jahren auf die Erforschung des Nervensystems im Darm (enterales System, enteric, englisch für Darm), das eigenständig arbeitet. Der Wissenschaftler gilt als Initiator der Neurogastroenterologie, einer Unterdisziplin. Er nimmt an, dass das Nervensystem im Darm mehr Einfluss auf unseren Gemütszustand und auf psychosomatische Erkrankungen hat, als das zentrale Nervensystem. Seiner Meinung nach werden Gefühle vom Magen-Darm-Trakt bestimmt und nicht umgekehrt. Der Neurobiologe definiert Intuition als Wechselwirkung von Kopf- und Bauchhirn.
Die Entdeckung des Darm-Hirns
Der Gastrointestinaltrakt enthält die grösste Ansammlung von Nervenzellen ausserhalb des zentralen Nervensystems. Das sogenannte enterale System kann die Verdauungstätigkeit unabhängig vom Gehirn steuern. Die englischen Wissenschaftler Bayliss und Starling erkannten diesen Umstand im 19. Jahrhundert. Sie versetzten Hunde in Narkose, isolierten eine Darmschlinge und untersuchten, wie sich die Reizung des Darms auswirkt. So ahmten sie den Effekt des normalen Darminhalts auf die Darmwand nach. Aus ihren Studien ergab sich das Gesetz des Darms (heute peristaltischer Reflex), also die durch Druck ausgelöste Transportfähigkeit des Darms. Für diese Fähigkeit sind die inneren Nerven in der Darmwand verantwortlich. Die beiden Wissenschaftler gingen noch einen Schritt weiter und durchtrennten bei den betäubten Hunden alle Nerven, die das Stück Hundedarm mit seiner Umgebung verbanden. Das Reflexverhalten des Darmes fand trotzdem statt, obwohl keine Nachrichten mehr von Gehirn oder Rückenmark empfangen werden konnten. Sie schlossen daraus, dass das Gesetz des Darms auf einen lokalen Nervenmechanismus zurückzuführen sei.
Eigenständiges Nervensystem
Heute ist bekannt, dass die Grundstruktur des Darms aus netzartigen Geflechten von Nervenknoten und verbindenden Nervensträngen besteht. Es wird angenommen, dass der Gastrointestinaltrakt mehr Nervenzellen enthält als das Rückenmark. Das Darmhirn kann die Daten seiner Sensoren selbst verarbeiten und kontrolliert Reaktionen. Es gibt den Nachbarorganen Anweisungen, koordiniert die Infektabwehr und die Muskelbewegung. Es muss gespeichertes Wissen abrufen, unterschiedliche Zustände registrieren, darauf reagieren und schnelle Entscheidungen treffen. Das zweite Gehirn hat alles, was ein integratives Nervensystem braucht.
Beide Gehirne kommunizieren
Das grosse und das kleine Hirn haben einen ähnlichen Zell- und Molekülaufbau und stehen miteinander in Verbindung. Dies erklärt, warum etwa Psychopharmaka auch auf den Darm wirken und Verdauungsstörungen verursachen können. Allerdings führen mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn. Die meisten Botschaften vom Darm nehmen wir aber nicht bewusst wahr. Auch bezüglich Reifung ähneln sich "little" und "big brain": Das Bauchhirn reift wie das Kopfhirn nach der Geburt weiter. Frühe Erfahrungen des Darms können so die Entwicklung beider Gehirne beeinflussen. Bei Reizdarm-Patienten konnte etwa festgestellt werden, dass sie sehr häufig auch an Angsterkrankungen oder Depressionen leiden. Emeran Mayer, Neurogastroenterologe und Professor für Physiologie von der University of California in Los Angeles, sieht in den Nervenfasern "von unten nach oben" die biologische Entsprechung menschlicher Bauchgefühle und der Intuition. Diese entsteht seiner Einschätzung nach aus der Wechselwirkung der zwei miteinander verschalteten Gehirne.
Wir besitzen eine Emotions-Gedächtnis-Bank im Kopfhirn, die alle nach oben gesendeten Reaktionen und Daten des Bauches sammelt. Früher Lebensstress ist in Gehirn und Bauch eingebrannt und bestimmt die Sensibilität der Darm-Hirn-Achse ein Leben lang. Wenn der Mensch eine Entscheidung treffen muss, spielen nicht nur intellektuelle Aspekte eine Rolle, auch die unbewussten Informationen aus gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen fliessen mit ein. Gelänge die Entschlüsselung der Kommunikation beider Gehirne, ergäben sich daraus sicher neue Behandlungsmethoden für chronisch Kranke.
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