Die zunehmende Allmacht der Gefühle
Wenn ich in die Tasten greife, um über die Bedeutung und Macht der Emotionen 4’800 redaktionell vorgegebene Zeichen zu schreiben, beschleicht mich das Gefühl, nur ein Teil dessen, was darüber zu sagen wäre, auf dem beschränkten Platz unterbringen zu können.
Text: Walter Hess, Fotos: pixelio.de
Das "Bockhaus’ Konversations-Lexikon" (1893) bestärkt mich in diesem Empfinden: "Die überaus grosse Mannigfaltigkeit der Gefühle von der niedrigsten Sinnenlust bis zu den erhabensten und edelsten Gefühlen für Schönheit und Tugend, ihre flüchtige, in fortwährenden Verwandlungen begriffene Natur, ihre oft leisen und allmählichen, oft stürmischen und gewaltsamen Übergänge, das Unwillkürliche und Geheimnisvolle ihrer Entstehung, die Macht, die sie über den Menschen ausüben, die tausendfältigen Modifikationen, denen sie nach Alter, Geschlecht, Bildungsgrad usw. unterliegen, das alles macht sie für die Beobachtung und Darstellung zu einem unerschöpflich reichen Stoffe (…)."
Angstmacherei hat Tradition
weil der unablässige Sturm der Gefühle Macht auf den Menschen ausübt, ist es naheliegend, genau bei ihnen anzusetzen, wenn Menschen manipuliert werden sollen. So werden – um ein extremes Beispiel zu nennen – alle Kriege durch die Verbreitung von Ängsten vor einem bösen Feind eingeleitet. Im Hinblick auf den ersten Irakkrieg wurde die Brutkastengeschichte erfunden: Saddam Hussein lasse Hunderte von Säuglingen ermorden. Der zweite Irakkrieg basierte auf angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak. Angstmacherei hat Tradition: Dazu gehörten das (inzwischen abgeschaffte) Fegefeuer und die Hölle, die letztere ihre Aufgabe noch immer erfüllt. Pandemie-Ankündigungen kurbeln den Umsatz der Pharmazeutischen Industrie an, und in der politischen Propaganda sind schaurige Prophetien wie der Untergang der Schweiz, wenn sie sich nicht der Globalisierung unterordne, üblich.
Glanz- und Gloriagesellschaften
solche Schauermärchen und das häufige Antreffen von Unglück, wie es zum Leben gehört, sind dazu angetan, Menschen über Ängste gefügig zu machen. Dabei sucht jedermann das Glück. Dementsprechend gibt es viele Ratgeber, die den Suchenden (und auch dem Autor) zu Glücksgefühlen verhelfen und die Wirklichkeit wunderbar gestalten möchten. Die Medien führen den Menschen die Glanz- und Gloriagesellschaften vor, bei denen wohlhabende Leute in grimmiger Entschlossenheit und aufgesetztem Lächeln versuchen, ihr Geld in etwas Glück umzumünzen und vielleicht sogar die Ware oder die wahre Liebe zu finden, wie es sich denn gerade ergibt.
Eroberung des Glücks
ein wegweisendes Buch über die "Eroberung des Glücks" hat der britische Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) geschrieben. Darin hält er fest, das Glück hänge zum Teil von den äusseren Verhältnissen und zum Teil von uns selbst ab. Der Glückliche werde sich zum Glück, der Unglückliche zum Unglück bekennen und dann die entsprechenden Erfahrungen zu seinem Lebensglauben beisteuern. Wer zum Glück finden wolle, müsse egozentrische Neigungen vermeiden und solche Gefühle und Interessen pflegen, die seine Gedanken von der steten Beschäftigung mit sich selber abziehen. Sonst wird laut Russell die Mannigfaltigkeit des Daseins ausgeschaltet; das Leben wird eintönig, ohne Reiz. Auch Schuldgefühle seien nur eine besondere Form der Selbstliebe. Zuneigung zu empfangen sei eine Glücksquelle, wer sie aber fordere, werde scheitern. Und berechnende Liebe sei unecht; Liebe müsse selbstlos, aber so beschaffen sein, dass auch das eigene Glück von ihrem glücklichen Verlauf abhängt. In einer innigen, naturbestimmten Vereinigung mit dem Strom des Lebens vollziehe sich die tiefste Beglückung, die wir finden können.
Betroffenheitsjournalismus
den Gefühlen nehmen sich die Medien neuerdings mit Inbrunst an. Im Betroffenheits- oder Gefühlsfernsehen wird mit allen Mitteln schamlos versucht, die Menschen zum Weinen zu bringen. Tränende Prominente und Privatpersonen sind die Quotenkracher. Emotionen (Trauer und Freude) werden hart inszeniert: Bei den Super- und Musicstar-Aussortierungen gehen die meisten Gesänge und übrigen Töne im Kreischen, Pfeifen und Geheule eines pubertierenden Publikums unter, was zwar meistens kein Verlust ist. Aber das hat wenig mit ehrlichen Gefühlen wie Begeisterung und wahrhaftiger Freude zu tun, sondern da werden im Kollektiv Shows abgezogen, denen sich niemand verweigern darf. Jedenfalls sagt mir das mein Bauchgefühl ... Solche Bauchgefühle entfalten allenthalben eine enorme Macht, vor allem bei sinkendem Bildungsstand und mangelndem Überblick. Wenn das Gehirn überfordert ist, einen wesentlichen Entscheid zu treffen, muss eben der Bauch einspringen. Oft erhält man den Eindruck, dass es vor allem die Bäuche und nicht etwa Intelligenz und Vernunft sind, welche die wesentlichen Entscheide treffen. Und so sind wir denn zunehmend Opfer der Folgen übermächtiger Bauchgefühle. Wer das alles aus kritischer Distanz betrachtet und mit seinen Emotionen zurückhaltend umgeht, wird darüber lächeln und die Macht der Gefühle unter Kontrolle halten.
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