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Familie: Wenn aus Liebe auch mal Hass wird



Seien wir ehrlich: Liebeskummer hatte jeder von uns schon einmal. Wenn wir leiden, sind die Symptome mit einer Krankheit vergleichbar. Aber nicht immer braucht es einen Menschen, um diesen Kummer auszulösen.

Katrin Brunner

Als 2004 die letzte Staffel von „Sex and the City“ über die Mattscheibe flimmerte, brach nach dem Schlussakkord der Titelmelodie bei zahlreichen, vornehmlich weiblichen Zuschauern eine grosse Leere aus. „Gibt es ein Leben nach <Sex and the City?>“ , fragte damals eine grosse Tageszeitung. Tatsächlich beschrieben viele Fans ihre Gefühle mit Traurigkeit und einem inneren Loch, das sich nun auftat. Was tun mit der Zeit ohne Carrie, Samantha und Konsorten, an deren Leben man teilnahm? So abwegig dieser Vergleich auf den ersten Blick scheint, so sind sich die Gefühle der Fernsehzuschauer und diejenigen von Personen mit Liebeskummer nicht unähnlich. Der Verlust von Vertrautem oder von jemandem, der uns nahe stand, zwingt uns, unser bis anhin liebgewonnenes und gewohntes Lebensmuster zu überdenken.

„Sie nehmen mir meine Freundin weg!“
Szenenwechsel: Aufgeregt kommt die kleine Larissa nach Hause. Ihre beste Freundin spielte heute in der grossen Pause ausnahmsweise nicht mit ihr, sondern mit einer anderen Gruppe gleichaltriger Mädchen. Larissa ist wütend, traurig und – was wir nachvollziehen können – auch etwas eifersüchtig. Sie klagt über Bauchschmerzen. Andere Gedanken als der „Verrat“ ihrer Freundin haben keinen Platz im Bewusstsein. Schon gar nicht die anstehenden Hausaufgaben. Die Erfahrung zeigt: Meist dauert es nicht lange, und die Mädels spielen wieder gemeinsam. So schnell wie Wut und Kummer aufkommen, so schnell wird auch wieder Frieden geschlossen.

Aus Wut wird Hass
Bei Jugendlichen oder in Familien dauert dies hingegen länger, oder es ist definitiv vorbei. Das Objekt ihres Kummers ist meist eine angebetete und unerreichbare Person oder aber der Partner bzw. die Partnerin, der oder die sich entfremdet. Als Rolf M. am Abend nach Hause kommt, um das Nötigste einzupacken und seiner Frau Priska sowie den beiden zehn und dreizehn Jahre alten Kindern überraschend mitzuteilen, dass er nun zu einer anderen Frau zieht, brach für Priska und die Kinder eine Welt zusammen. Unser Liebeskummer durchläuft verschiedene Gefühlszustände. Zuerst ist da Priskas grosse Wut. Wie viele Male muss Rolf, zusammen mit seiner neuen Freundin, in ihren Gedanken tausend schmerzvolle Tode sterben. Meist bleibt es beim imaginären Blutbad. Die darauffolgende Depression wechselt sich ab mit körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwäche. Die Liste liesse sich noch weiter führen. Meist sind es jetzt nur noch Medikamente, die ein einigermassen normales Funktionieren ermöglichen.

Wechselbad der Gefühle
Aber auch für Rolf ist die Geschichte mit seinem Auszug nicht so einfach vorbei: Priska sucht in ihrem Kummer seine Schwachstelle und findet sie, indem sie ihm den Besuch seiner Kinder verweigert. In ihrem Schmerz zieht sie alle Register des Grausamen. Schlagartig verschlechtern sich auch die Schulnoten der Kinder. „Es war dieses Wechselbad der Gefühle. Ich dachte, ich hätte alles im Griff. Ich könnte nun vernünftig ein Gespräch mit ihm führen. Nur, um dann beim mittlerweile eingeschalteten Therapeuten erneut in Tränen und in Hysterie auszubrechen“, erzählt Priska heute. Der letzte Schritt – das Loslassen und Akzeptieren der neuen Situation –  blieb der Familie erspart. Rolf musste feststellen, dass seine Idee vom schnellen Auszug aus der alten Welt in eine neue, von ihm idealisierte Lebensweise nicht so einfach war. Nach zögerlichen Annäherungen ist die Familie heute wieder zusammen und wagt den Neustart.

Loslassen können
Die erste Liebe von Jugendlichen hat auch ganz viel mit Anerkennung zu tun. Ist diese Liebe zu Ende, kommt zum Kummer über das Verlorene auch der nagende Selbstzweifel. Im ohnehin schon hormongeschüttelten jungen Erwachsenen toben die Gefühle. „Eine andere Mutter hat auch einen schönen Sohn bzw. eine schöne Tochter.“ Dies der Spruch, mit dem uns unsere Eltern trösten wollten. Jugendliche wollen aber niemand anders. Zuhören und da zu sein für den Nachwuchs, darin besteht die Aufgabe der Erziehungsberechtigten. Mit dem Loslassen-können und dem sich Abfinden der Situation normalisiert sich der Alltag meist wieder. Das braucht aber Zeit, immerhin geht es um den Verlust eines geliebten Menschen. Oder eben einer geliebten Fernsehserie.
 


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