Fokus: Der muntere Mund spricht seine eigene Sprache
"Vieles Ungemach rührt daher, dass man den Mund aufmacht."
Siang-Mien-Spruch (Gesichtsdeutung, China)
Was muss denn eigentlich halten, wer den Befehl "Halt den Mund!" befolgt? Wohl nur die Stimme, die Sprache. Hinter dem Wort Mund verbirgt sich nämlich mehr, laut Duden die "durch Unter- und Oberkiefer gebildete, durch die Lippen verschliessbare Öffnung im unteren Teil des menschlichen Gesichts, die zur Nahrungsaufnahme und zur Hervorbringung sprachlicher Laute dient".
Text: Walter Hess
Das ist eine verkürzte Beschreibung des Eingangsportals für lebensnotwendige Stoffe, als das sind: Lebensmittel, Flüssigkeiten und gegebenenfalls auch Luft (als "Filiale" der Nase). Der Mund ist ein hochkomplexes Gebilde. Besonders gut sichtbar sind die Lippen und Zähne. Sie werden gern zu auffälligen Attributen der Schönheit modifiziert, selbst wenn sie das nicht nötig hätten. Lippen werden mit leuchtendem Rot betont, mit dem Konturenstift ("Lipliner") nachgezogen und manchmal nach dem Vorbild der Tellerlippen bei Naturvölkern noch künstlich vergrössert. Damit wollen Frauen sinnlicher wirken. Hervorgehobene Lippen sind eine Einladung zum Küssen. In der harmlosen österreichischen Filmkomödie "Die ganze Welt ist himmelblau" (1963) wurde der Schlager "Rote Lippen soll man küssen ..." gesungen. Man darf diese Einladung als Mann nicht voreilig annehmen, schon gar nicht in meinem Alter, will man dem Ruf, ein unbeherrschter Frauenheld zu sein, entgehen. Es empfiehlt sich ein subtiles, langsames Herantasten an fremde Tastorgane, die ja die Lippen ebenfalls sind. Sie dienen Kleinkindern zu Untersuchungszwecken, und laut Sigmund Freud beginnt hier die orale Phase als erster Ausdruck der kindlichen Sexualität.
Feng-Shui: der Hauseingang als Mund
In der chinesischen Wohn- und Gesundheitslehre Feng-Shui wird das Haus mit einem Menschen verglichen. Denn auch ein Gebäude sollte ein lebendiger Organismus sein, der atmet, im Zusammenhang funktioniert, gesund ist und das Wohlbefinden der Bewohner gewährleistet. Die Frontseite des Hauses entspricht dem Gesicht, der Eingang dem Mund. Wie die feste und flüssige Nahrung durch den Mund, so tritt die Lebensenergie Qi (Chi) durch die Eingangstür ins Haus oder in die Wohnung ein. Und der Betrachter bzw. Gast erhält hier den ersten Eindruck vom Hausinneren. Der Eingang ist die Visitenkarte; hier sollte kein Gerümpel herumliegen.
Schöne Zähne, die durchaus gewisse persönlichkeitsprägende Unregelmässigkeiten aufweisen dürfen, lassen auf ein gesundes Inneres schliessen. Ein Mund mit angenehmen Konturen, festen Lippen und leicht ansteigenden Mundwinkeln stahlt Zuversicht und Sinnlichkeit aus; herabhängende Mundwinkel aber stehen für Pessimismus und Überempfindlichkeit. Mit den heute zur Verfügung stehenden kosmetischen Arsenalen kann die Sprache der Lippen beliebig manipuliert werden, und am Ende ist nur noch etwas über das gestalterische Talent der geschminkten Person in Erfahrung zu bringen.
Ein Multitalent
Der Mund lässt sich durch viele Muskeln bewegen: öffnen, schliessen, verformen. Er ist bei allen Lebewesen der Ernährungsweise angepasst, wozu auch die Backentaschen für kurze Stauhaltungen vor dem Kauen gehören; das Wort Wange bedeutet Krümmung. Die Zunge ist ein Teil des Mundhöhlenbodens und dient als Teil des Geschmacksinns. Selbst bei intimen Zungenküssen spielt dieser Sinn mit, entfaltet doch der Mund eine Signal- und Auslösewirkung im sexuellen Bereich.
Der Mund ist am Sprechen wesentlich beteiligt; er leistet also, zeitgemäss ausgedrückt, Dienste bei der sozialen Kommunikation und Information. Aber nicht allein die Worte, die über die Lippen kommen, sondern auch deren Formenspiel sprechen eine Sprache – als Bestandteil der Mimik insgesamt, die über ihre eigene mimische Muskulatur (aus acht Muskeln) verfügt. Die Stimmungslage, Gedanken und Gefühle können daraus mit einem Blick gelesen werden, falls ein Gesicht nicht durch straffende, sogenannte Schönheitsoperationen zur Maske verkommen ist oder das Alter seine festen Furchen eingegraben hat. Die Sprache wird zusätzlich akzentuiert oder auch modulatorisch differenziert, wenn die Aussagen nur teilweise oder nicht mit den Empfindungen übereinstimmen. Der Mundbereich wird im Rahmen des Mienenspiels zum Verräter.
Unbewusste Mimik-Äusserungen
Jedermann ist imstande, die Gemütsbewegungen zu lesen, die das Gesicht umformen. Ein wütender Mensch beisst auf die Zähne, zieht die Oberlippe zurück und entblösst die Zähne, wie damals als unsere Vorfahren noch mit den Zähnen gegeneinander kämpften. Selbstredend ist es nicht verboten, solch unbewusste Mimik-Äusserungen zu überlisten: Man versuche einmal in einer Phase von Missmut und Verstimmung eine Zeit lang die Mundwinkel emporzuziehen und ein ganz fröhliches Gesicht zu machen. Dann stellen sich gute Laune und Aufgeräumtheit von selbst ein. Man erkennt daraus, dass Vorstellungen, gedankliche Reize, genügen, das Minenspiel und damit die wechselnde Form des Munds zu beeinflussen. Das ist ebenfalls eine Art von Schönheitspflege!
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