Familie: Baustelle im Hirn erschwert die Teenagerzeit
Früher war alles anders. Aus den herzigen Buben, den liebenswerten Mädchen sind aufmüpfige, besserwisserische und rebellische Jugendliche geworden. Ein kleiner Trost bleibt für die ratlose Elternschaft. Alles geht vorbei.
Text: Katrin Brunner
„Ich war ein richtig böses Kind“, erzählt die 22-jährige Anna heute. Noch nicht lange her, erinnert sich die junge Frau gut an ihre Teenagerzeit. „Ich war vorlaut, aggressiv und machte meine Lehrer nach Möglichkeit fertig.“ Ihre Mutter doppelt nach: „Immer wieder wurden mein Mann und ich wegen Anna zum Lehrer oder zur Schulpflege zitiert.“ Eines Tages packten die Eltern Annas Koffer und holten das rebellische Girl von der Schule ab, um mit ihr in ein Internat zu fahren. Diese Auszeit war ein Schock für das Mädchen. Drei Wochen lang weg von Familie und Freunden. Der ungewohnte Schulbetrieb und die Trennung vom heimatlichen Umfeld regten Anna zum Nachdenken an.
Kein Anschluss unter dieser Verbindung!
Während der ersten Lebensjahre nimmt, verwertet und speichert das menschliche Gehirn nach Möglichkeit jede Information. Autobahnen gleich werden individuelle Vorlieben und die Ausdauer an Dingen, die wir gerne tun, ausgebaut. Der Aufbau der Verbindungen zwischen den Nervenzellen – den Synapsen – klappt wunderbar bis hin zur Pubertät. Dann aber geschieht Seltsames. Das Gehirn gleicht jetzt einer Baustelle. Im Laufe der Pubertät bilden sich die Synapsen zurück. Nervenverbindungen werden im Zuge der Gehirnreifung einfach stillgelegt. In dieser Situation greift das jugendliche Gehirn auf die Amygdala – den Mandelkern – zurück. Dieser steuert das Angstempfinden und die Einschätzung und Wiedererkennung möglicher Gefahren. Damit werden jedoch die Stirnlappen überlastet, was zu einer allgemeinen Desorientierung des Gehirns führt.
Steinzeit im Hirn
Im Schlaf findet der Reifeprozess des jugendlichen Gehirns statt. Während der Pubertät verschiebt sich die Ausschüttung des Schlafhormons „Melatonin“ aber um ungefähr zwei Stunden. Dies erklärt die Probleme, welche Eltern oft damit haben, ihren Nachwuchs ins Bett zu kriegen. Mit dem Einschätzen des eigenen Tuns hatte auch Anna ihre liebe Mühe während der Schulzeit. Lernen wurde zur Nervenprobe für Eltern und Tochter. Stand eine Prüfung an, bedeutete dies Stress pur für die ganze Familie. Diesen Stress verursachte aber nicht allein der Schlafmangel. Das limbische System, in dem sich auch besagter Mandelkern befindet, aktiviert bei Stress die Hormone Adrenalin und Cortisol. Dies machte während der Steinzeit durchaus Sinn, musste der Mensch doch bei Gefahr schnell agieren und stark und resistent gegen Schmerzen sein. Anna, und mit ihr alle Pubertierenden, müssen heute vor keinem Wollnashorn oder Mammut mehr davonlaufen. Die Ausschüttung der oben genannten Hormone ist dem modernen Menschen aber geblieben, und dies ist im Vorfeld schulischer Prüfungen hinderlich, da sich das Hirn nun nur noch auf eine Sache – meist die Angst – fokussiert. Die Kunst besteht nun darin, diese Ausschüttung der Hormone zu verhindern, also Stress zu vermeiden. Rechtzeitig mit dem Prüfungsstoff anzufangen, zu lernen und eine gute Zeiteinteilung sind sicher das eine. Sich die Angst einzugestehen, das andere. Ob Prüfungsangst oder Lampenfieber – die Symptome sind ähnlich. Auch geübte Schauspieler sind nicht gefeit davor und achten unter anderem auf ihre Atmung. Aus dem Bauch atmen, tief und bewusst, kann wahre Wunder wirken. Übrigens arbeitet Anna heute zuverlässig und erfolgreich zusammen mit ihrem Vorgesetzten in einem Cateringservice.
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