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Fokus: Die Augen als Spiegel der Seele


Viele volkstümliche Redewendungen weisen darauf hin, dass offenbar zwischen Augen und Herz (als angenommener Sitz der Seele) eine Verbindung besteht. Man sagt zum Beispiel: Die Augen glänzen oder strahlen vor Freude! Oder seine Augen waren voller Traurigkeit! Die Augen eines Menschen widerspiegeln oft, was ein Wesen im Innersten fühlt und auch denkt.

Text: Micheline Klapproth

„Ein Blick sagt manchmal mehr als tausend Worte“, heisst ein Sprichwort, und das hat absolut seine Richtigkeit: Erklärende Worte können die innere Landschaft eines Menschen nicht so präzise und direkt wiedergeben, was ein einziger Blick tut – gewollt oder ungewollt. In den Augen eines Menschen erscheint oft wie auf einer Filmleinwand die „Gefühlslandschaft“ seines Seelenlebens ganz echt und pur. Aus diesem Grunde setzen gewisse Menschen gerne eine dunkle Sonnenbrille vor ihr Gesicht. – Wie beispielsweise die hervorragende Schauspielerin Greta Garbo, der man eine grosse Schüchternheit nachsagte. Sie liebte es offenbar nicht, dass man ihr zu leicht in die Seele blicken konnte. Auch andere wiederum greifen zur Sonnenbrille – auch wenn die Sonne gerade nicht scheint – , damit ihre Augen nicht allzu viel ausplaudern.

Geheimnisvoll erscheinen durch dezente Verschleierung

Früher trugen die Damen an ihren Hüten feine Schleier – auf französisch „une voilettes“. Diese hauchfeinen „Tüchlein“ vor dem Gesicht waren in vornehmen Kreisen sehr beliebt, denn sie gaben dem Gesicht sanfte, weiche Züge, die das Antlitz hübsch machten. Ob dabei noch der Wunsch mitspielte, das allzu „Verräterische“ der Augen zu verschleiern, bleibe dahin gestellt. Ich weiss nur noch, dass mir diese „voilettes“ bei meiner Mutter gut gefielen … Inzwischen ist dieser Brauch ziemlich abhanden gekommen. Dafür streitet man sich nun um Kopftücher, aber da spielen offenbar andere Überlegungen mit, das nur so nebenbei.

Aussagekräftige Irisdiagnose

Im menschlichen Auge sind nicht nur Seelezustände, sondern auch körperliche Befunde und deren Beschwerden sichtbar. Schon im Altertum kannten die Ärzte (zum Beispiel in Ägypten) die Methode, anhand der Regenbogenhaut eine Diagnose zu erstellen. Diese Analyse ist möglich, weil unzählige kleine, feinste Leitungskanäle von den Organen bis in die Iris führen.
Das geschieht über das Rückenmark und den Thalamus des Menschen. Es hat sich gezeigt, dass die Trefferquote der Diagnosen der Iridologie recht hoch ist. Einmal mehr zeigt es sich, dass zwischen dem physischen und psychischen eine grosse Einheit besteht. Der Mensch muss also als ein Ganzes verstanden werden.

Ein zu Herzen gehendes Märchen trifft den Nagel auf den Kopf

Auch mehrere Märchen weisen auf den engeren Zusammenhang von Seele und Augen hin: Ein schönes Beispiel dafür liefert das bekannte Grimm-Märchen „Rapunzel“. Für alle Leserinnen und Leser, die diese Geschichte nicht mehr so deutlich im Kopf haben, möchte ich eine Kurzfassung des berührenden Märchens wiedergeben:

Eine junge Frau wohnte mit ihrem Gatten neben dem schönen Garten einer Zauberin. Da sie ein Kind erwartete und grosse Lust nach den Rapunzeln im Zaubergarten hatte, holte ihr Mann ihr dort ein paar davon. Als er dann ein zweites Mal einige Früchte stehlen wollte, wurde er von der Hexe erwischt. Sie verlangte als Wiedergutmachung vom Mann das Kind; er versprach es ihr aus lauter Angst. Nach der Geburt schloss die Hexe die kleine Rapunzel – so hiess das Kind – in einem Turm im Wald ein, wo sie es jeden Tag besuchte. Weil der Turm weder Treppen noch Eingang besass, musste Rapunzel ihren langen Zopf zum Fenster hinunter lassen, und die Zauberin kletterte an ihm hoch. Als einmal der junge Königssohn im Wald vorbeiritt, hörte er das junge Mädchen im Turm singen. Er verliebte sich in den schönen Gesang und es gelang ihm, das Vertrauen des heranwachsenden Mädchens zu gewinnen. Und auch ihn liess sie an ihren seidenen Haaren emporklettern. Wenn er rief: „Rapunzel, Rapunzel lass dein Haar herunter!“ So verging die Zeit, bis sie einmal alle drei im Turm zusammentrafen: Da stieg solche Wut in der Zauberin auf, dass sie mit der Schere dem armen Prinzen die Augen ausstach. Danach entführte die Hexe Rapunzel in eine weit weg gelegene Wüste. Lange irrte der arme Prinz umher, bis er schliesslich doch noch diese Wüste fand. Als Rapunzel ihn sah und erkannte, da weinte sie bitterlich und schloss ihn in ihre Arme. Als zwei ihrer Tränen auf seine blinden Augen fielen, erhielt er im gleichen Moment sein Augenlicht wieder. Dieses bewirkte die aus ihrem Herzen strömende Liebe. Dann nahm er sie – wie es sich in einem Märchen gehört – mit auf sein Schloss. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie glücklich miteinander – heute noch.




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