Der Lein – Eine alte Kulturpflanze

Vitanews

"Durch zweiundsiebzig Hände geht der Flachs, eh' er als Leinenhemd getragen." Diese alte Redensart umschreibt die mühevolle Handarbeit rund um die Leinengewinnung.

Haben Sie gewusst, dass der Lein, auch bekannt als Flachs, eine der ältesten Kulturpflanzen ist? Bereits die alten Ägypter kannten und schätzten ihn. Darstellungen in altägyptischen Gräbern zeigen sehr anschaulich, wie der Lein in dieser Zeit gesät, geerntet und zu edlen Leinenstoffen verarbeitet wurde. 

Wie sah es in unserer Gegend aus? Archäologische Untersuchungen im südwestdeutschen Federsee-Gebiet belegen, dass der Lein auch hier schon vor über 5000 Jahren als Kulturpflanze intensiv genutzt wurde. Interessanterweise wurde keine Wildform (Linum bienne), sondern bereits der echte Kulturlein (Linum usitatissimum), wie wir ihn heute kennen, verwendet.

 

Vom Flachs zur Baumwolle
Neben Hanf, Nessel und Wolle war der Flachs bis in die Neuzeit eine der wichtigsten Textilfasern in Europa. Erst mit der Mechanisierung in der Textilindustrie konnten Baumwollstoffe plötzlich in grossen Mengen billig produziert werden. Die Leinenherstellung rückte dabei in den Hintergrund und der Flachsanbau nahm in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts stark ab. Zu den wichtigsten Lieferländern gehören heute Belgien, Ungarn, Marokko, Argentinien und Indien.

Eine filigrane Pflanze
Der Lein gehört zu den Leingewächsen (Linaceae). Es handelt sich um eine zarte, einjährige Pflanze mit einer spindelförmigen Pfahlwurzel. An einem Stängel, der bis zu einem Meter hoch wird, sitzen lineal-lanzettliche, unbehaarte Blätter. In den Blattachseln der oberen Blätter sind die hellblauen Blüten rispenartig angeordnet. Ihre Blütezeit dauert meist von Juni bis August.

Wertvolle Inhaltsstoffe
Als Frucht wird eine kugelig-eiförmige, hellbraune Kapsel gebildet. Darin sind etwa zehn hellbraune, glänzende Samen enthalten. Sie werden sowohl innerlich als auch äusserlich für arzneiliche Zwecke genutzt. In der Samenschale befinden sich Schleimstoffe und im Nährgewebe ist fettes Öl vorhanden, das einen hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren aufweist. Des Weiteren sind Ballaststoffe wie Cellulose und Hemi-Cellulosen enthalten.

Künstlerische Qualitäten
Was verbindet die kleinen Leinsamen mit grossen Malern wie Vincent van Gogh?
Aus Leinsamen kann Leinöl gewonnen werden, das häufig ein Bestandteil von Ölfarben ist. Qualitativ hochwertiges Leinöl kann aber auch zum Kochen verwendet werden. Das fette Öl enthält u.a. alpha-Linolensäure. Das ist eine mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäure, die in Zellmembranen eingebaut wird und eine Rolle bei Entzündungsprozessen spielt. Menschen mit Hautproblemen wie Neurodermitis können unter Umständen von einer regelmässigen Einnahme profitieren. Ausserdem wird ein positiver Einfluss auf die Blutfettwerte wie Cholesterin diskutiert.

Was Hildegard von Bingen schon wusste
Bereits Hildegard von Bingen (ca. 1098 – 1179) beschrieb die Heilwirkung des Leins in ihren Büchern. Allerdings sah sie von einer innerlichen Anwendung ab und empfahl nur äusserliche Zubereitungen. So riet sie bei Verbrennungen, einen Sud durch das Kochen von Leinsamen in Wasser herzustellen. Ein darin getränktes, warmes Leinentuch sollte dann auf die verbrannte Stelle gelegt werden. Auch in unserer Zeit sind Umschläge nicht aus der Mode gekommen. Allerdings werden damit nicht Verbrennungen, sondern Hautentzündungen behandelt. Dazu werden die Leinsamen gemahlen und zu einem feuchtheissen Brei verarbeitet.

Hilfe bei Verstopfung und Durchfall!
Leinsamen haben eine abführende Wirkung. Indem sie im Darm aufquellen, nimmt das Volumen dort zu und die Darmbewegungen kommen dadurch in Schwung. Im Gegensatz zu vielen anderen Abführmitteln ist eine Einnahme über einen längeren Zeitraum kein Problem.
Leinsamen können aber auch bei Durchfall helfen. Wie ist dieser Widerspruch möglich? Die in ihnen enthaltenen Inhaltsstoffe binden überschüssige Flüssigkeit und somit verfestigt sich der Darminhalt.

Beruhigende Schleimstoffe
Aufgrund des hohen Schleimgehalts können Leinsamen chronische Magenschleimhautentzündungen lindern. Hierzu werden zwei Esslöffel mit geschroteten Leinsamen in einem halben Liter Wasser über Nach eingeweicht. Am nächsten Morgen wird dieser Ansatz kurz aufgekocht und durch ein Mull-Tuch abgeseiht, um die Samenhülsen abzutrennen. Es wird empfohlen, hiervon mehrmals täglich eine Tasse zu trinken.

Es ist erstaunlich, wie viele Nutzungsmöglichkeiten in einer einzigen Pflanze stecken können.

 

Leinsamen gegen Verstopfung
Bei Verstopfung können Sie 2- bis 3-mal täglich einen Esslöffel mit ganzen Leinsamen einnehmen. Trinken Sie jedes Mal ein grosses Glas Wasser dazu, denn der Leinsamen benötigt viel Wasser, um aufzuquellen. Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren erhalten die Hälfte der Erwachsenendosis. 

Leinsamen dürfen bei Verdacht auf Darmverschluss und Verengung der Speiseröhre und im Magen-Darm-Bereich sowie bei akut entzündlichen Darmerkrankungen und Erkrankungen der Speiseröhre und des Mageneingangs nicht eingenommen werden. Nehmen Sie Leinsamen am besten eine Stunde vor oder nach der Einnahme von anderen Arzneimitteln, da sonst die Aufnahme anderer Medikamente aus dem Magen-Darm-Trakt verzögert sein kann.

Leinsamenwärmflasche
Füllen Sie ein Stoffsäckchen mit Leinsamen. Legen Sie es zum Erwärmen in die Mikrowelle oder in den Backofen. Es funktioniert wie eine „trockene“ Wärmflasche. Sie können nach Belieben auch noch Lavendelblüten, die eine entspannende und beruhigende Wirkung haben, dazu mischen.

 

Leinsamenbrot

Zutaten:
1 Päckchen Trockenhefe
Etwas Salz
1 EL Honig
2,5 dl lauwarmes Wasser
400 g Mehl
4 TL Sesamsamen
2 TL Leinsamen

Die Hefe im Wasser auflösen, das Salz und den Honig dazugeben. In einer grossen Schüssel die Leinsamen, die Sesamsamen und das Hefegemisch zum Mehl dazugeben und zu einem Teig kneten. Nach einer Ruhezeit von 45 Minuten kleine Brötchen daraus formen, in den Ofen schieben und bei 180°C circa 20 bis 30 Minuten backen lassen. Riechen Sie schon den frischen Brotduft? Die Brötchen enthalten viele Ballaststoffe, die zu einer geregelten Verdauung beitragen.

 

Buchtipp

(((Cover-Link:
http://www.books.ch/annot/4B56696D677C7C32323933393931317C7C434F504C.jpg?sq=2&width=287&height=420)))

 

Heidelore Kluge
Das grosse Hildegard von Bingen Buch:
Ihre wichtigsten Lehren zu Ernährung, Gesundheit und Schönheit
Moewig Verlag
400 Seiten
ISBN 978-3-86803-417-2
Fr. 10.30

 

Vorschläge für Bildquellen:
http://www.pixelio.de/media/395088

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