Die Liebe kennt viele Wege zum Ziel


Jede dritte Ehe wird bei uns geschieden. Das erweckt oft den Eindruck, die beständige, echte Liebe gebe es nicht mehr. Aber halt – die Hirnforscher haben jetzt den Beweis erbracht, dass es sie immer noch gibt. Nur will die Liebe "gehegt und gepflegt" sein. Und schon in der Kinderstube beginnt die Menschenliebe, sagt der Zürcher Kinderarzt Christoph Wolfensberger-Hässig.

Micheline Klapproth

Man weiss es: Das Leben heutzutage ist nicht einfach. Die Sorgen nagen am Optimismus vieler, und auch die Liebe bleibt davon nicht verschont.  "Halt, halt!", kontern jetzt die Neurophysiologen und behaupten: "Leidenschaftliche Gefühle können dauerhaft sein. Wir haben es mit eigenen Augen in unseren Apparaten gesehen." An Kongressen und in wissenschaftlichen Zeitschriften berichten sie über den Stand ihrer Forschungsarbeiten. Es gelang zum ersten Mal auf dem Kongress "Neuroscience 2008" in Washington – so berichtete die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University von New Jersey – folgenden Nachweis zu erbringen: Die romantische Liebe hat einen festen Sitz im Zentralnervensystem, auch über viele Jahre hindurch.

Verschiedene Tests
In einem simplen Test untersuchten amerikanische Forscher 17 Probanden, die im Schnitt seit mehr als 21 Jahren mit einem geliebten Partner zusammen waren. Es wurde ihnen abwechslungsweise ein Bild des Lebensgefährten (Lebensgefährtin) und einer neutralen Person gezeigt. Im Magnetresonanztomografen konnte man in den zuvor bezeichneten Hirnpartien der Probanden, die das Bild der geliebten Person in diesem Moment vor Augen hatten, grosse Aktivitäten feststellen. Und zwar waren diese Emotionsstürme ähnlich denen, die bei Neuverliebten auftreten. Mit einem Unterschied allerdings: Die Emotionen der maturierten Paare zeigten sich nicht weniger kräftig, jedoch ruhiger, was zu einer gereiften Liebesbeziehung passt! Das heisst aber bei weitem nicht, dass die Beziehung nun emotional "langweilig" geworden sei, sagen die Wissenschafter, denn es wurde eine erhöhte Aktivität von serotoninreichen Regionen registriert. Diese gelten im Spektrum emotionalen Erlebens eher als Sitz von Ruhe, aber auch von Glücksgefühlen.

Das Hormon der Liebe
Dieses Wunderwerk im Körper des Menschen (und bei den Wirbeltieren) ist auf den Namen "Oxytocin" getauft worden. Es sorge für die "Schmetterlingsgefühle" im Bauch, wird in der Studie festgehalten und sei für die emotionellen Liebesstürme verantwortlich. Dann folgt eine überraschende Bemerkung im Forschungstext: Dieses Hormon werde nicht nur beim Liebesakt freigesetzt, sondern auch während der Geburt eines Kindes… Geheimnisvoll und voller Poesie sind die Wege der Schöpfung! Damit ist aber bei Weitem noch nicht alles gesagt. Folgende Eigenschaften sind auch noch festgestellt worden: So haben zum Beispiel Wissenschaftler der Universität von Los Angeles ermitteln können, dass sich das Liebeshormon auch auf Stresssituationen positiv auswirken kann. Es fördert nämlich die Kontaktfähigkeit mit dem Mitmenschen und bewirkt damit oft eine Verminderung oder gar eine Auflösung der angestauten, negativen Gefühle. Somit werden neue Konstellationen im "Kaleidoskop der Liebe" kreiert, und diese Muster bringen starke, neue Impulse. Da ist von der Kraft der Anziehung zwischen zwei Menschen zur allgemeinen Nächstenliebe – und umgekehrt – nur ein kleiner Schritt.

Menschenliebe beginnt in der Kinderstube
Der Zürcher Kinderarzt und spätere Psychotherapeut Christoph Wolfensberger-Hässig konnte in seiner langjährigen Pädiatriepraxis tiefe Blicke in die Seelen der Kinder und deren Umgebung werfen. Seine Entdeckung über das Sozialhirn (in Verbindung mit Hirnforschung) brachten ihn zur Erkenntnis, dass die Weichen beim Kind schon sehr früh zu einem positiven sozialen Verhalten gestellt werden müssten. In seinem Buch aus dem Jahre 1992 mit dem pointierten Titel "Fremdenhass und Menschliebe in der Kinderstube – eine Streitschrift" plädiert er mit Nachdruck dafür, dass die Eltern bereits im Kinderzimmer eine pro-menschliche Atmosphäre verbreiten sollten. Gehässiges Kritisieren soll man besser ("wie ein paar dreckige Schuhe") vor der Zimmertür des Kinderreiches deponieren. Der Autor hält nicht viel vom konventionellen "Er-Ziehen", das ihm verdächtig nahe dem Ausdruck "Hinauf-Ziehen und Ver-Ziehen" steht. Damit sich die tief im Kind innewohnenden soziopositiven Anlagen entfalten können, sollten die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen. Mit vorgelebter Achtung vor dem Mitmenschen und liebevoller, aufrichtiger Zuwendung könne man Wunder bewirken, sagte Christoph Wolfensberger ganz im Sinne des grossen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi.