Sie ist sozusagen die Schweizer Prophetin des Genusses: Gisula Tscharner. freie Seelsorgerin, Sammelweib und Buchautorin. In ihrem neuesten Buch lädt sie ein zum lustvollen Schmaus wilder Pflanzen.
Interview: Fabrice Müller
Sie waren heute wieder in der freien Wildbahn zum Sammeln unterwegs. Was für Wildpflanzen haben Sie mit nach Hause gebracht?
Gisula Tscharner: Für meine Buchpräsentationen bin ich derzeit täglich am Sammeln und Zubereiten. Ich finde jeden Tag massenhaft Pflanzen. Heute habe ich Hornklee, Wiesensalbei und Roten Klee mitgebracht. Fasziniert hat mich die Farbenpracht auf den grünen Wiesen mit roten, gelben und blauen Wildblüten. Diese Farbharmonie versuche ich stets auch bei meinen Gerichten und Degustationen rüberzubringen, schliesslich essen ja auch die Augen mit.
Viele Leute betrachten die Pflanzen aus Ihrem neuesten Buch als Unkraut. Sie hingegen bringen sie mit Genuss in Verbindung. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Das hat mit der heutigen Sesshaftigkeit der Menschen zu tun. Als die Menschen begannen, Pflanzen zu züchten und zu manipulieren, entstand eine Art Auslese. Alles, was von selber wuchs, galt als unberechenbar und schlecht. So kamen die Wildkräuter zu ihrem negativen Image. Die gezüchteten Pflanzen hingegen wurden wie Tiere ans Haus bzw. den Garten "gebunden". Heute sprechen die Leute von Unkraut. Die Silbe "Un" hat für mich jedoch nichts Negatives an sich. Denn es steht für "zu viel". Un- bzw. Wildkräuter sind in Unmengen und mit ungebändigter Lebenskraft vorhanden und kommen immer wieder.
Was verpassen wir denn, wenn wir diese Wildkräuter nicht geniessen?
Wir verpassen diese Art von Lüsternheit, die in diesen Pflanzen steckt. Sie sind so flexibel und lassen sich nicht beleidigen. Sie sind zäh und masslos. Und diese Masslosigkeit müssen wir uns meist auf dem Schwarzmarkt der christlichen Ethik beschaffen. Dabei stecken in den Wildpflanzen die Urkräfte des Lebens mit einer raffinierten Überlebensstrategie. Beim Ernten dieser Pflanzen darf ich Gast sein bei ihnen. Die Wildpflanzen sind einfach da, ohne auf Leistung getrimmt zu sein. Das löst bei mir ein Schmunzeln aus. Geschmacklich sind die Wildpflanzen meist würziger als ihre kultivierten Kollegen. Und sie wirken beim Menschen auch auf feinstofflicher Ebene bis hin zur Körperhaltung. Sie mobilisieren die Lebenskraft und machen uns wach. Im Gegensatz zu den domestizierten Pflanzen werden Wildpflanzen weniger schnell faul, sprich, sie halten besser und länger, auch bei grosser Hitze.
Haben Sie eine Lieblingswildpflanze?
Das werde ich immer wieder gefragt. Nein, ich habe keine Lieblingspflanze. Doch wenn mir eine Pflanze, die ich nicht erwartet habe, begegnet, bin ich überrascht. Insofern kann jede Pflanze für einmal Liebling sein.
"Wer geniesst, hat keine Kraft für Bösartigkeiten."Was bedeutet für Sie Geniessen?
Sich bedingungslos der Schönheit hingegen und den Moment geniessen. Meiner Meinung nach ist es äusserst schade und schon fast sündig, wenn man sich aus einer gewissen Hemmung heraus nicht dem Genuss hingibt. Das Leben ist so kurz, und die Schöpfung so schön. Geniesser werden nie bösartig, dafür umso mehr beneidet. Wer geniesst, hat keine Kraft für Bösartigkeiten. Er ist vielmehr gesättigt von Schönem und Gutem.
Fehlt uns manchmal die Fähigkeit, zu geniessen?
Sagen wir mal so: Manchen Menschen fehlt die Möglichkeit, zu geniessen. Oder sie haben es nicht gelernt. In den vergangenen Jahrhunderten ist das Geniessen im Rahmen der christlichen Ethik immer mehr unter die Räder gekommen. Wer sich quälte und nichts gönnte, stand gegenüber der Kirche gut da, quälte aber gleichzeitig auch die andern. Der Verzicht wurde glorifiziert. Dabei ist Genuss keine Frage des Geldes oder Reichtums, sondern eine Lebenshaltung.
"In den vergangenen Jahrhunderten ist das Geniessen im Rahmen der christlichen Ethik immer mehr unter die Räder gekommen"
Mit Ihrem neuesten Buch laden Sie uns zum Genuss ein. Was wollen Sie uns genau mitteilen?
Ich möchte mit diesem Buch unsere Instinkte wecken und dazu anregen, die eigentliche Wildheit wiederzuentdecken. Diesen Instinkt besitzen wir alle noch. Ich geniesse es, wenn ich die Leute damit anstecken kann. Denn es lohnt sich, sich diesen Instinkten hinzugeben. Das Buch soll eine Anleitung sein beim Ausgraben dieser Instinkte. Die lustvollen Fotos laden besonders dazu ein.
Jetzt haben Sie uns lange auf die Folter gespannt. Bitte lassen Sie die Katze bzw. das Wildkraut aus dem Sack und verraten Sie uns eines Ihrer Rezepte aus dem neuesten Buch.
Der Monat Juli beispielsweise ist die Zeit der Gewürze. Der wilde Majoran etwa gedeiht in dieser Zeit. Man findet ihn an Waldrändern und in Aushubdeponien, wo es heiss und trocken ist. Der Majoran ist eine anspruchslose Pflanze, dafür umso würziger. Je heisser das Klima, desto aromatischer schmeckt er. Man kann ihn zum Beispiel in Öl einlegen, salzen und daraus eine leckere Pestopaste kreieren; diese dann aufs Brot streichen und in den Ofen schieben. Was für ein Aroma! Der Majoran kann dem Basilikum und Oregano durchaus die Stirn bieten. Dazu ein Gläschen Weisswein.
Sie haben ja schon einige Bücher verfasst. Gibt es schon Pläne für weitere Buchprojekte?
Zum Schreiben muss ich mich meistens zwingen. Vor jedem Buch habe ich mir geschworen, keines mehr zu schreiben. Doch dieses Mal meine ich es ernst. Ich kreiere lieber fortlaufend neue Rezepte und unternehme allein oder mit Gruppen Genusswanderungen. Literaturtipp:
Gisula Tscharner: Wald und Wiese auf dem Teller
Neue Rezepte aus der wilden Weiberküche
Frühling 2009, 160 Seiten, über 100 Farbfotos, gebunden, Pappband
ISBN 978-3-03800-404-2, CHF 39.90
Bestellungen an Verband vitaswiss, Hofstrasse 1, Postfach 6584, 6000 Luzern 2
Tel. 041 417 01 60, E-Mail info@vitaswiss.ch
Rezept:Geblümte Wiesenbrote
1 Salatsieb voll Blätter von jungem Grün, z.B. Scharbockskraut, Sauerampfer, Brennessel, Bärlauch, Vogelmiere, Spitzwegerich, Knoblauchrauke, Gundermann, Geissfuss, Schafgarbe, Leimkraut, Wildlauch
Sonnenblumen-, Distel- oder Rapsöl
Salz
Frisches Brot
Magerquark
Einige frische Blüten zum Garnieren, z.B. Wald-Veilchen, Schlüsselblume, rote Taubnessel, Goldnessel, Gänseblümchen
Die grünen Blättchen sehr fein hacken und mit etwas Salz und Öl gut vermischen; diese Paste hält sich einige Tage. Brotscheiben abschneiden, mit Magerquark bestreichen und dann etwas von der Wiesenpaste darauf geben. Mit den verschiedenen farbigen Blüten garnieren. Sofort geniessen.
Brennessel-ChipsZum Aperitif statt der ewig gleichen Pommes-Chips
Grosse einzelne Brennesselblätter, am besten von einem schattigen Standort
enig Bratfett
Kräutersalz
Den Boden einer weiten Bratpfanne mit Bratfett einreiben. Die Pfanne erhitzen und die Blätter darin rösten. Mit wenig Kräutersalz bestreuen und sofort servieren.
Einfache Blumencreme
500 ml Jogurt nature
300 ml Magerquark
150 g Zucker oder Reste von wildem Süss- oder Dicksaft oder von kalt angesetztem Sirup
200 ml Rahm, flüssig oder geschlagen
gemischte Blüten der Saison in allen Farben
Jogurt, Quark und Zucker oder Süsssaft gut miteinander verrühren. Den Rahm darunterziehen und die Creme kalt stellen. Kurz vor dem Servieren die Blüten darüberstreuen.