Das Bleichen führte früher oft zu überraschenden Resultaten


Erika Wyss-Brenzikofer, "Coiffeur am Bärenplatz" in Wilderswil

"Als ich Anfang der 1980er-Jahre bei einem Herrencoiffeur im Emmental die Lehre machte, sassen die Kunden noch hinten im Geschäft auf einem Bänkli und warteten, bis sie an der Reihe waren. Erst später gewöhnten sich die Leute an Termine beim Coiffeur. Verändert haben sich in den letzten 25 Jahren auch die Arbeitstechniken. Sicherheitsmassnahmen wie etwa das Arbeiten mit Handschuhen oder der Umweltschutz werden heute sehr ernst genommen. Es gibt auch mehr Produkte auf natürlicher Basis. Dazu kommt, dass wir heute über extrem viele Produkte mit präziser Wirkung verfügen. Während das Bleichen früher oft noch zu überraschenden Resultaten führte, kann ich heute Haare genau nach Wunsch färben.
Heute wird auch stärker individualisiert: Aus einer reichen Auswahl an Frisuren pickt man sich die Elemente heraus, welche die Gesichtsform mit ihrer Mond- und Sonnenseite, überhaupt die Besonderheiten eines Menschen am schönsten zur Geltung bringen. Das bedingt, dass wir auf die Kunden eingehen.

Dieser Grundsatz ist allerdings nicht neu – Coiffeure mussten schon immer halbe Psychologen sein. Schon in der Ausbildung lernen wir, fröhlich und offen auf Kunden zuzugehen; wir müssen versuchen, zu verstehen, was sie wollen und was zu ihnen passen könnte. Es schockiert mich, wenn ich als Expertin an Meisterprüfungen von Kunden höre: "Neulich hat der Coiffeur zu kurz geschnitten." Wenn sich eine Kundin setzt, erkläre ich, was ich vorhabe, damit sie sich ein Bild machen und ihre eigenen Wünsche einbringen kann. Als Coiffeur wird man zusammen mit den Kunden älter; man hört von Freuden und Leiden. Nicht selten entstehen persönliche Bindungen. Das kann auch belastend sein. Aber ich bin froh, wenn ich den Kunden einen Dienst erweisen kann, indem ich zuhöre. Schön ist, wenn ein Kunde sagt, dass er sich wohl fühlt. Oder wenn sich Gäste aus den Hotels freuen, dass sie hier englisch und französisch reden können – und mich dabei an die unbeschwerten Jahre erinnern, als ich in England und im Val de Travers arbeitete.

Als Coiffeur gibt man viel, aber es kommt auch viel zurück. So wird Flexibilität gross geschrieben, und ich stecke meine ganze Energie und Kreativität ins Geschäft. Denn ob es um grosse Innovationen geht oder "nur" um die Dekoration: Für ein gutes Ambiente muss alles zusammen passen. Aber es macht Freude, als aufgestelltes Team aufzutreten und zu sehen, dass die Kunden das schätzen. Mir ist ein Traum in Erfüllung gegangen mit dem eigenen Geschäft, in dem ich meine Ideen verwirklichen und dafür sorgen kann, dass der Service von A bis Z stimmt – und zwar nicht wie zu Dällebach Karis Zeiten abgestuft nach Stand und Preis, sondern für alle, die hierher kommen."

Aufgezeichnet von Sibylle Hunziker