Werkzeug des Geistes


Der Mensch begreift die Welt mit den Händen. Sie spielen in unserer Evolutionsgeschichte eine zentrale Rolle. Zudem waren sie das erste Verständigungsmittel des Menschen.

Text: Fabrice Müller

Sie hat 27 Knochen, 33 Muskeln und 22 Achsen von allen menschlichen Gliedmassen. In jeder Handfläche liegen 17'000 Fühlkörperchen, die Druck, Bewegungs- oder Vibrationsreize aufnehmen – das sind rund 140 pro Quadratzentimeter. Hände können streicheln und schlagen, versöhnen und verletzen, sie können die Welt erkunden und die Welt gestalten, sie sind Ausdruck unserer Gefühle und Werkzeuge unserer Geistes. Ihnen scheinen magische Kräfte innezuwohnen, und sie vollbringen Leistungen, deren künstliche Nachahmung selbst in Zeiten von Cyberspace und Robotik noch in weiter Ferne liegt. Die Hand übernimmt somit vielfältige Aufgaben als Greif- und Halteorgan, Manipulations- und Sinnesorgan sowie Ausdrucksorgan mit Gestik und Gebärden. Ein kleines Kind entdeckt seine eigenen Hände. Das Eigene ist auch Gegenüber, die eigenen Hände sind Werkzeug der Selbstwahrnehmung, Werkzeug der Ablösung von existentieller Abhängigkeit, hin zu Eigenständigkeit, Selbsterkenntnis und Bewusstsein, hin zu einem Sein und Werden in der Welt. Die Hände ergreifen im Verbund mit allen anderen Sinnesorganen die Welt buchstäblich und immer wieder neu und suchen sie der individuellen Bedürfnislage anzupassen.

Die Sprache der Hände
Das erste Verständigungsmittel des Menschen waren die Hände. Die Kommunikation lief über Gesten. Diese überwinden Sprachbarrieren, ergänzen oder ersetzen das gesprochene Wort. Die Hand lehrte den Menschen das Sprechen. Irgendwann begannen unsere Vorfahren, auf Dinge zu zeigen und damit Laute zu verbinden. Der Zeigefinger gab den Dingen ihren Namen. Auch 40’000 Jahre später verstehen wir die Sprache der Hände immer noch. Von Generation zu Generation weitergegeben, ist diese universelle Zeichensprache aus der Frühzeit der Menschen erhalten geblieben. Jeder Mensch versteht sie, egal, ob er chinesisch, russisch, deutsch oder suaheli spricht. Per Hand lernen die Menschen zählen. Das Dezimalsystem haben sie in der Hand. Rein rechnerisch wäre die Zwölf praktischer, denn diese Zahl lässt sich bequem dritteln und vierteln; es gibt zwölf Stunden am Tag, zwölf in der Nacht und das Jahr teilt sich in zwölf Monate. Aber der Mensch verfügt nur über zehn Finger. Damit feiert er runde Jubiläen nach zehn Jahren, nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden.

Schlüsselrolle in der Evolution
Manche Forscher vermuten, dass den Händen schon in der Evolution, also auf dem langen Weg der Entstehung der Menschheit, der über Millionen Jahre zurückreicht, eine Schlüsselrolle zukommt. "Der aufrechte Gang und der Schritt aus dem Wald, von den Bäumen, in die Savanne, machte die Hände der ersten Vor- oder Frühmenschen frei zum Sammeln von Nahrung, zum Ergreifen von Beutetieren und zum allmählichen Erlernen des Gebrauchs von Werkzeug und Waffen. Die neuen Funktionen der Hände wiederum setzten den Mund frei zur Entwicklung der Stimme und der Sprache", erklärt Alfred Weinrich in seiner Studie "Am Anfang war die Hand", erschienen in der Reihe "Theorie und Praxis der Sozialpädagogik". Die enorme Vergrösserung des Hirnvolumens der Frühmenschen im Zuge dieser langen Vorgeschichte sei, so meinen die Forscher, wahrscheinlich durch die Entwicklung dieser Fähigkeiten stimuliert worden, unmittelbar durch den Überlebensvorteil der grosszügiger mit Hirn ausgestatteten Individuen. "Schon der gezielte Wurf eines Steins auf einen auffliegenden Vogel setzt nicht nur viel Übung, sondern eine eigene, unzählige Generationen übergreifende Evolutionsgeschichte der komplizierten Koordinierungs- und Steuerungsvorgänge von Auge, Arm und Hand und damit auch der Gehirnkapazität voraus", betont Alfred Weinrich. Schon Aristoteles war sich der Einzigartigkeit von Händen bewusst, als er sie als Werkzeug aller Werkzeuge bezeichnete.

Maschinen-Hand
Seit langer Zeit träumen die Menschen davon, künstliche Wesen zu erschaffen, die ihnen ihre Arbeit abnehmen. Fast jede körperliche Arbeit wird mit den Händen verrichtet, also müssen Roboter vor allem die Arbeit der Hände ersetzen: Greifen, Halten, Drehen, Tragen.
Jeder Roboter kann nur eine einzige Tätigkeit verrichten. Viele Handmaschinen sehen daher gar nicht mehr aus wie eine menschliche Hand. Eine Maschinen-Hand zu bauen, die all das kann, was das Original beherrscht, ist momentan noch Utopie.

Künstliche Hände
Die älteste bekannte künstliche Hand wurde vor über 2’000 Jahren im alten Ägypten hergestellt. Seit dem Mittelalter gab es bewegliche Ersatzhände aus Metall oder Holz, mit Federn und Zahnrädern. Rund 180 Jahre liegt die Erfindung von Kunsthänden mit Seilzügen zurück. Zu dieser Zeit verbreiteten sich auch Ersatzhände, die an Stelle der Finger Werkzeuge besassen. Heute gibt es elektrische Prothesen, die direkt mit den Armmuskeln in Verbindung stehen.