Wenn ihre Geschichten vor ihr herlaufen

In Frankreich zu Hause, aber im Herzen immer noch mit der Deutschschweiz verbunden: Die Schriftstellerin Anja Siouda pendelt zwischen den Welten. Dies kommt auch in ihren Büchern zum Ausdruck. Soeben erschien ihr neustes Werk «Erdbeerzeit».

Text und Foto: Katrin Brunner

Die junge Angela erlebt die tagtägliche Hölle. Gefangen in ihrem übergewichtigen Körper und in ihrer unglücklichen Ehe mit Benno, der, zusammen mit seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, keine Gelegenheit auslässt, um sie zu demütigen. Der einzige Lichtblick sind die Zwillinge, die sie mit Benno hat. So dämmert Angela täglich vor sich hin, bis das Schicksal wortwörtlich explosiv einschreitet.

Bereits das vierte Buch

«Erdbeerzeit» ist Anja Sioudas viertes Buch. Mit der Geschichte um Angela, die mit ihrem Übergewicht, mit der täglichen Demütigung und mit ihrer Vergangenheit kämpft, betritt die Schriftstellerin Neuland. Ihre ersten beiden Bücher beschreiben zum einen das Leben der Marokkanerin Halima, die ihr Schicksal in den Schweizer Alpen findet.

"Mein Ziel ist es, den Leuten eine Freude zu machen. Gleichzeitig aber schreibe ich gegen die Diskriminierung. Diese hat mich schon als Kind stets betroffen gemacht»,

Die zweite Geschichte ist quasi die Fortsetzung. Das dritte Buch wiederum enthält witzige Erzählungen und steht im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Büchern. So auch «Erdbeerzeit». Ihre beiden ersten Romane seien so dramatisch, hörte Anja Siouda immer wieder von ihrer Leserschaft. «Daher wollte ich etwas Optimistisches schreiben.

"Mein Ziel ist es, den Leuten eine Freude zu machen. Gleichzeitig aber schreibe ich gegen die Diskriminierung. Diese hat mich schon als Kind stets betroffen gemacht», erklärt die diplomierte Übersetzerin im Interview.

Glücksgefühl beim Schreiben

«Schreiben ist meine Bestimmung.» Punkt! «Ich habe einfach Glücksgefühle beim Schreiben», schwärmt die 50-jährige Anja Siouda. Schreibend fand sie auch ihren algerischen Ehemann, mit dem sie seit dreissig Jahren zusammen ist. In Zeiten ohne Internet, WhatsApp oder E-Mails haben sie sich lange Zeit über eine Brieffreundschaft ausgetauscht. Sie, die in der Nähe von Luzern aufwuchs, er, der in Algerien Psychologie studierte. Für ihre Kinder schrieb sie Geschichten und Reime. Dies hatte bereits ihre Mutter gemacht. Ihr Vater gab ihr sein Gesundheitsbewusstsein mit – er ist seit vielen Jahren vitaswiss-Mitglied – und ihre Liebe zur Natur. Zusammen lebt die Familie nun in der Nähe von Genf auf der französischen Seite. Dort, im Haus mit Garten und Hühnern, entstehen ihre Bücher. «Ich schreibe am liebsten zu Hause. Ich mag diese 

Abgeschiedenheit, mag meinen Kirschbaum und die gackernden Hühner».

Schnellschreiberin

2007, als sie 39 Jahre alt war, schrieb  sie ihren ersten Roman «Steine auf dem Weg zum Pass». Diesen hat sie in zwei Monaten durchgeschrieben. Das Buch erschien jedoch erst drei Jahre später. «Die Verlagssuche erwies sich als schwierig. Das Schreiben fiel mir leicht, die Geschichte lief vor mir her, und ich musste sie nur noch aufschreiben», erinnert sie sich. Auch ihr neustes Buch «Erdbeerzeit» entstand in kurzer Zeit und versuchsweise im Eigenverlag – dies jedoch bereits vor längerer Zeit. Nun aber wollte Anja Siouda das Buch endlich publizieren.

Wie viel Anja Siouda steckt jeweils in ihren Büchern? Einiges. Die interkulturellen Erfahrungen haben Sie geprägt. Fiktionen an sich sind völlig frei erfunden, die Konstellation der Figuren usw., aber Themen wie Toleranz, Diskriminierung, Ausgrenzung, Homosexualität, Schönheitskult, das alles seien Themen, die ihr am Herzen liegen und über die sie mit Herzblut überzeugend schreiben könne.

Für die Geschichte rund um die Marokkanerin Halima, die grösstenteils auf dem Brünig spielt, konnte sie für den Schauplatz vor allem auf ihre Erinnerungen zurückgreifen. Als Kind verbrachte Anja Siouda dort viel Zeit auf der Alp ihres Vaters, der in dieser Zurückgezogenheit mit seinen Milchschafen als Selbstversorger lebte. Wie eine arabische Familie funktioniert, erfuhr die Schriftstellerin durch ihren Mann und dessen Verwandte. Bewusst entschied sie sich aber dafür, dass Halima aus Marokko kommt und nicht aus Algerien. Auch für ihr aktuellstes Buch hielt sich der Rechercheaufwand in Grenzen. «Natürlich probierte ich als Jugendliche auch die eine oder andere Diät aus. Ausserdem arbeitete ich als Jugendliche eine Zeit lang in einem Altersheim. Diese Erfahrungen haben mir geholfen», erklärt Anja Siouda den Hintergrund rund um ihre Protagonistin, die selber in einer Altersresidenz arbeitet und lernt, sich endlich von ihrer Umwelt zu emanzipieren.

«Das Schreiben fiel mir leicht, die Geschichte lief vor mir her, und ich musste sie nur noch aufschreiben»

Ihre Bücher erscheinen momentan nur auf Deutsch. Es ist aber der Wunsch von Anja Siouda, dass ihre Bücher beispielsweise auch in Französisch publiziert werden. Als Übersetzerin ist sie kritisch, und sie weiss, wie viel vom Charakter eines Buches bei einer schlechten Übersetzung verloren gehen kann.

Ideen sind bereits vorhanden für eine nächste Geschichte. Momentan brauche sie aber viel Zeit für ihr Marketing und für die Vorbereitungen einer Neuauflage ihrer Romane bei einem österreichischen Verlag, gesteht Anja Siouda lächelnd. Lesungen und Werbung stehen an. Dafür kommt sie immer wieder gern in die Deutschschweiz.