Die Mistel – Ein Wesen zwischen Himmel und Erde

Vitanews

„No mistletoe, no luck.“ (Ohne Mistelzweig kein Glück.)

Diese Redensart ist in England weit verbreitet, weshalb an Weihnachten und Neujahr frische Mistelzweige aufgehängt werden. Und stehen ein Mann und eine Frau zufällig darunter, dürfen sie sich losgelöst von allen gesellschaftlichen Konventionen küssen.

 

 

 

Im Land der Gallier, in Frankreich, lautet ein Neujahrsgruss: „Au gui l’an neuf.“ (Mit Mistel ins neue Jahr.)

Bereits der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) berichtete, dass die Mistel unter den gallischen Druiden als heiliges Gewächs verehrt wurde. So gab es besondere Rituale, um sie vom Baum zu holen. Dabei durfte nur eine goldene Sichel verwendet werden, und die abgeschnittenen Zweige wurden mit einem weissen Tuch aufgefangen, damit sie den Boden nicht berührten. Ausserdem war es durchaus üblich, Jungstiere zu opfern.

Etwas verwunderlich ist, dass Plinius ausgerechnet von Eichen als Wirtsbäume spricht, da darauf kaum Misteln zu finden sind.

 Möglicherweise handelt es sich sogar um eine Verwechslung, und in Wirklichkeit verwendete der Druide Miraculix die Riemenblume (Loranthus europaeus) für seinen Zaubertrank. Es handelt sich um eine nahe Verwandte, die wie unsere Mistel (Viscum album) zur Familie der Riemenblumengewächse (Loranthaceae) gehört.

Sagenumrankte Mistel

Die Mistel findet sich auf beinahe allen Laubbäumen, mit Ausnahme der Buche. Zwei spezialisierte Unterarten finden sich zudem auf Nadelbäumen – hierbei handelt es sich um die Kiefernmistel und die Tannenmistel. Dort wachsen die kleinen Äste mit ihren ledrigen Blättern allmählich zu kugeligen Gebilden heran – Durchmesser von bis zu einem Meter sind dabei keine Seltenheit. Hoch oben in den Bäumen erinnern sie ein bisschen an entrückte Wesen, die nicht so recht wissen, wo sie eigentlich hingehören.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Mistel seit alters her eine Sonderstellung einnimmt. Als solches kommt sie auch in der germanischen Mythologie vor: Als der Lichtgott Baldur von seinem nahen Tod träumte, mussten alle Erdenwesen der Göttermutter Freya versprechen, dass sie Baldur nichts Böses wünschen. Doch ein Wesen, die unscheinbare Mistel, wurde vergessen. Der missgünstige Loki entdeckte jedoch dieses Versehen. Er gab dem blinden Gott Hödur einen Pfeil aus einem Mistelzweig, womit dieser durch eine List nichtsahnend auf Baldur zielte. Dieser stürzte daraufhin tödlich getroffen zu Boden – Loki erreichte somit sein teuflisches Ziel. 

Fruchtbare Mistel

In der Vorstellung der alten Kelten symbolisierten die weissen Beeren der Mistel die Spermatropfen des kosmischen Stiers, um die grosse, alles gebärende Göttin zu befruchten. Kein Wunder also, dass die immergrüne Mistel auch ein Symbol für Fruchtbarkeit darstellt. Nicht zuletzt, da sich aus den unscheinbaren Blüten erst im kalten Winter ihre Beeren entwickeln.

Sie sind ein beliebtes Nahrungsmittel bei Misteldrosseln und Seidenschwänzen. Indem sie ihren Kot auf Bäumen hinterlassen, können sich die darin befindlichen Samen festhaften und schliesslich austreiben. Als Halbschmarotzer bohrt sich der Spross dann durch die Rinde des Wirtsbaums und zapft seine Leitungsbahnen an, um an Wasser und Mineralstoffe zu gelangen.

Ironischerweise kann den Vögeln ihre eigene Futterquelle zum Verhängnis werden. Alten Berichten zufolge wurde aus dem klebrigen Fruchtfleisch der Mistelbeeren ein zäher Vogelleim hergestellt. Dieser wurde dann auf Ruten gestrichen, um damit Vögel zu fangen. Diese Praktik war bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet, ist heute allerdings in den meisten europäischen Ländern verboten. 

Heilsame Mistel

In der Heilkunde hat die Mistel eine lange Tradition: So werden in alten Aufzeichnungen häufig Epilepsie und Schwindel als Anwendungsgebiete erwähnt. 

Kräutervater Hieronymus Bock nannte sie sogar „Omnia sanentem“, was so viel bedeutet wie „Heilt alle Schäden“.

Und Pfarrer Kneipp (19. Jhd.) stillte damit Blutungen und kurierte Störungen des Blutflusses. Rudolf Steiner (1861 – 1925) führte sie schliesslich in der Krebstherapie ein. Vielleicht inspirierte ihn der Gedanke, dass die Mistel selbst ein fremdartiges Gewächs am Wirtskörper ist. Unter den Inhaltsstoffen spielen vor allem die Mistellektine und Viscotoxine eine Rolle. In hohen Konzentrationen können sie Vergiftungen auslösen, doch speziell verdünnte Mistelzubereitungen werden injiziert, um das körpereigene Immunsystem anzuregen und das Tumorwachstum zu unterdrücken. Traditionsgemäss wird das Mistelkraut ebenfalls bei zu hohem Blutdruck eingesetzt. Hierfür werden üblicherweise Tinkturen oder Kräutertees eingenommen. Da die giftigen Mistellektine und Viscotoxine nicht aus dem Magen-Darm-Trakt vom Körper aufgenommen werden, wird die Wirkung vor allem auf die ebenfalls enthaltenen Flavonoide zurückgeführt. 

In diesem Sinne: Starten Sie gesund ins neue Jahr. Wer weiss, vielleicht werden Sie auch unter einem Mistelzweig geküsst.

 

Misteltee

 

Zubereitung:

Über Nacht wird ein Teelöffel Mistelkraut mit einer Tasse kaltem Wasser übergossen und stehen gelassen. Der Kaltauszug wird dann vor dem Trinken kurz zum Sieden erhitzt. Die übliche Tagesdosis beträgt ein bis zwei Tassen.

 

Anwendung:

Zur Senkung von leicht erhöhtem Blutdruck

  

Weihnachtsräucherung

Zutaten:

1 Teil Myrrhe

1 Teil Tolubalsam

1 Teil zerkleinertes Mistelkraut

Zubereitung:

Myrrhe und Tolubalsam werden im Mörser zerrieben und zum Schluss mit den zerkleinerten Mistelteilen vermischt.

Eine Kohletablette wird mit einer langen Pinzette in eine Kerzenflamme gehalten. Wenn sie rundum glüht, wird sie in den Sand der Räucherschale gelegt. Jetzt etwas Luft zufächeln. Wenn die Kohle schliesslich durchgeglüht ist, bildet sich ein gräulicher Belag. Nun wird die Räuchermischung nach und nach aufgestreut.

Anwendung:

Räuchermischung stimmt auf die Weihnachtszeit ein

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